19.08.2026

Architektur

„Sozialer Dritter Ort“: Der Espace Ambroise Croizat in Montpellier

Foto: © Luc Boegly.
Foto: © Luc Boegly.

Zwischen den Vierteln Arceaux und Figuerolles hat TAUTEM Architecture das ehemalige Centre d’Expérimentations et d’Innovation Sociale (CEIS) in einen neuen sozialen Dritten Ort verwandelt: den Espace Ambroise Croizat. Das Projekt zeigt, wie eine behutsame Transformation bestehender Bausubstanz zu einer Architektur der Fürsorge, der Inklusion und der mediterranen Klimaresilienz führen kann – und setzt damit ein Zeichen für die soziale Stadtentwicklung in Frankreich.


Ein neuer sozialer Dritter Ort für Montpellier

Der Espace Ambroise Croizat ist als offener, inklusiver und friedlicher „tiers-lieu social et numérique“ konzipiert. Er bündelt Angebote zur sozialen, beruflichen und digitalen Inklusion: Beratungsräume, ein digitaler Hub, modulare Werkstätten, eine solidarische Lebensmittelepik („Chez Ambroise“), eine Lehrküche, Notunterkünfte für Menschen in Krisensituationen sowie einen gemeinschaftlichen Garten im Herzen des Blocks. Damit adressiert das Haus sechs zentrale Handlungsfelder: Beschäftigung, Wohnen, digitaler Zugang, Budgetberatung, Gesundheit und nachhaltige Ernährung.

Das Gebäude steht an der Adresse 6 rue Jacques Draparnaud, 34000 Montpellier; Auftraggeber ist das CCAS de Montpellier. Die Fertigstellung erfolgte 2026 nach einer Wettbewerbsphase 2021 und mehrjährigen Bauabschnitten (Asbestsanierung 2022; Hauptarbeiten 2023–2026).


Mit dem Bestand arbeiten: Erinnerung bewahren, Neues einschreiben

Der Ort war ursprünglich eine städtische Kinderkrippe und wurde im Lauf der Jahrzehnte durch unterschiedliche An- und Umbauten geprägt. Statt diese Schichten zu tilgen, hat TAUTEM mit dem Vorhandenen gearbeitet: Qualitäten sichtbar gemacht, Zwänge produktiv genutzt und eine neue Erzählung in die bestehende Struktur eingeschrieben.

Von der Straße aus machen restaurierte Fassaden, ein Portal und ein kupfernes Signal das Haus sichtbar, ohne aufdringlich zu wirken; sie treten in Dialog mit der umgebenden Bebauung. Unter den wiederhergestellten Arkaden belebt die solidarische Epik die Sockelzone und öffnet die Einrichtung zur Stadt. Zur Gartenseite hin entwickelt der Anbau eine Architektur des Innen-Außen, die sich um eine freigelegte, aufgewertete und großflächig entsiegelte „Kühle-Tasche“ legt

© Luc Boegly
© Luc Boegly
© Luc Boegly
© Luc Boegly
© Luc Boegly

Architektur der Fürsorge: Maßstab, Licht, Material

Die reopened historic arches – also die wieder geöffneten historischen Arkaden – geben dem Sockel Tiefe und eine einladende Dimension. Die tragende Struktur aus kohlenstoffarmem Beton mit ortbetonierten Gewölben reinterpretiert die Geometrien der Arceaux, ermöglicht flexible Grundrisse, fördert die Reversibilität und verleiht dem Dritten Ort eine hohe Anpassungsfähigkeit. Unter den Gewölbevorsprüngen zurückgesetzt, treten Holzfassaden mit den mineralischen Flächen in Dialog und prägen eine nüchterne, warme und dauerhafte Architektursprache.

Diese Beziehung von Innen und Außen, die Präsenz von Grün und bioklimatische Strategien verorten das Projekt eindeutig in einer mediterranen Architektur. Um einen gemeinsamen Garten, der die bestehenden Bäume bewahrt, komponieren Wege, Betongewölbe und Holzrahmenfassaden eine klimaresponsive Architektur, die auf Licht, Grün und kollektive Nutzungen ausgerichtet ist. Thermische Masse, Sonnenschutz und natürliche Lüftung tragen direkt zum Komfort der Nutzenden und zur Qualität der Atmosphäre bei.


Konstruktive und klimatische Souveränität

Das gesamte Projekt wurzelt in der Transformation des Bestehenden: Erhalt vorhandener Strukturen, Wiederverwendung von Materialien vom Standort, kohlenstoffarmer Beton, biobasierte Werkstoffe und die Entsiegelung von Böden folgen einer Logik konstruktiver und klimatischer Souveränität. Durch Photovoltaik-Eigenproduktion erreicht das Gebäude BEPOS-Standard (positiv bilanziertes Energiegebäude).


Healing through architecture: Raumqualität als Werkzeug

Aufmerksamkeit für Fürsorge und Begleitung durchzieht den gesamten Ansatz. Proportionen, natürliches Licht, Materialien und Atmosphären sind darauf ausgerichtet, sowohl die Lebensqualität des Personals als auch den Empfang von Menschen mit unterschiedlichen Lebenswegen zu verbessern. Mit dem Espace Ambroise Croizat bekräftigt TAUTEM Architecture, dass Orte für benachteiligte Gemeinschaften denselben architektonischen Rigorismus verdienen wie kulturelle oder institutionelle Bauten. Raumqualität wird hier zum Werkzeug für Willkommen, Reparatur und Inklusion.


Programm und Kennzahlen

  • Umbau und Ertüchtigung des CEIS zu einem sozialen, innovativen und friedlichen Dritten Ort mit Fokus auf soziale Diversität und Inklusion.
  • Modulbare Werkstätten, akkreditierter digitaler Hub, Gemeinschaftsräume für Begegnung und Austausch.
  • „Chez Ambroise“: solidarische Epik mit lokalen Produkten zu differenzierten Preisen, um soziale Diversität zu fördern und Stigmatisierung entgegenzuwirken.
  • Lehrküche für partizipative Kochworkshops.
  • „Sophie Lagrèze“: gemeinschaftlicher Garten als Ort sozialer Diversität, nachhaltiger Ernährung und Naturbezug.
  • Nutzfläche: 1.370 m²; Garten: 1.205 m².
  • Baukosten: 3,6 Mio. € zzgl. MwSt.
  • Projektteam: TAUTEM Architecture (Leitung, Innenarchitektur, Möblierung, Beschilderung).archdaily+1
  • Wettbewerb: 2021; Bau: Phase 1 (2022) Asbestsanierung und Rückbau; Phase 2 (2023–2026); Fertigstellung: 2026.

Warum dieses Projekt für die Praxis zählt

Der Espace Ambroise Croizat demonstriert, wie ein sozialer Dritter Ort durch präzise architektonische Mittel Würde stiftet: durch die Bewahrung ortsspezifischer Erinnerung, durch klimagerechte Materialität und durch eine räumliche Ordnung, die Begegnung ermöglicht, ohne zu exponieren. Für Planende, Kommunen und Träger ist das Projekt ein Referenzfall dafür, wie Bestandslogik, soziale Infrastruktur und BEPOS-Ziele in einer mediterranen Stadt zusammengeführt werden können – ohne Pathos, aber mit klarer Haltung.

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