01.10.2026

Architektur

PREVIER Hamburg: Auer Weber entwerfen ein neues Tor zur HafenCity

PREVIER Hamburg von Auer Weber: Das neue Präventionszentrum an den Elbbrücken markiert mit seinem 69 Meter hohen Turm und der markanten roten Fassade den östlichen Auftakt der HafenCity. Foto: © Auer Weber /Foto: Ditz Fejer
PREVIER Hamburg von Auer Weber: Das neue Präventionszentrum an den Elbbrücken markiert mit seinem 69 Meter hohen Turm und der markanten roten Fassade den östlichen Auftakt der HafenCity. Foto: © Auer Weber /Foto: Ditz Fejer

Mit dem PREVIER Hamburg setzt Auer Weber einen neuen städtebaulichen Akzent am östlichen Eingang der HafenCity. Unmittelbar an den Elbbrücken verbindet das Präventionszentrum einen 69 Meter hohen Turm mit einem weit ausgreifenden Sockelbau. Seine mineralische, in warmen Rottönen entwickelte Fassade macht den Neubau zur weithin sichtbaren Stadtfigur. Im Inneren übersetzen großzügige Erschließungsräume den programmatischen Anspruch des Hauses in Architektur: Prävention soll hier nicht nur vermittelt, sondern räumlich erfahren werden.


PREVIER Hamburg als Tor zur HafenCity

Wer sich Hamburg mit dem Zug aus südlicher Richtung nähert, begegnet der HafenCity künftig mit einer neuen städtebaulichen Setzung. Direkt an den Elbbrücken erhebt sich das PREVIER, ein von Auer Weber entworfenes Kompetenzzentrum für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz. Bauherrinnen und Nutzerinnen sind die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) und die Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG). Anfang September 2026 wurde das Präventionszentrum eröffnet.

Die Lage ist exponiert. Am östlichen Auftakt der HafenCity trifft die großmaßstäbliche Infrastruktur der Elbbrücken auf die jüngere Stadtentwicklung entlang der Elbe. Das PREVIER reagiert darauf mit einer entsprechend kräftigen Figur. Ein rund 69 Meter hoher Turm wächst aus einem breiten Sockel, ohne sich gestalterisch von ihm zu lösen. Eine engmaschige mineralische Fassade bindet beide Volumen zu einer Einheit zusammen. So entsteht jene monolithische Großform, mit der das Gebäude seine Präsenz im heterogenen Umfeld behauptet.

Der Lageplan auf Seite 2 der Projektdokumentation zeigt, wie unmittelbar das Gebäude zwischen Wasser, Straßenraum und Bahnhof positioniert ist. Gerade diese Situation erklärt die Doppelrolle des Neubaus: Er ist einerseits weithin sichtbare Landmarke, andererseits Teil eines engmaschigen Netzes aus Wegen und öffentlichen Verbindungen


Zwei Achsen ordnen das Haus

Die innere Organisation des PREVIER Hamburg folgt zwei Bezugsachsen. Auf der Eingangsebene verläuft zunächst das ost-west-orientierte „Erschließungsband“. Es verbindet die beiden Adressen an der Baakenwerder Straße und am Bahnhof Elbbrücken in Form eines großzügigen Foyers. Das Gebäude wird damit nicht von einem einzigen Haupteingang aus gedacht, sondern als räumliche Verbindung zwischen zwei Seiten des Grundstücks.

Dieses horizontale Band kreuzt eine zweite, nord-südlich ausgerichtete Raumfigur: das „Erlebnisband“. Sein bestimmendes Element ist eine große Treppenskulptur, die sich über drei Geschosse erstreckt. Sie führt von der öffentlichen Ausstellungsebene im Obergeschoss hinunter auf die Warftebene und stellt zugleich den Bezug zum Wasser her.

Die Treppe ist dabei mehr als Erschließung. Als räumliches und kommunikatives Zentrum bündelt sie Bewegungen und Blickbeziehungen und verknüpft unterschiedliche Bereiche des Hauses. Wo das äußere Erscheinungsbild auf Geschlossenheit setzt, entwickelt sich im Inneren eine Architektur der Verbindung.

© Auer Weber

Eine Fassade in sechs Rottönen

Besondere Aufmerksamkeit erhält die Gebäudehülle. Auer Weber konzipierten sie als vorgehängte hinterlüftete Fassade aus großformatigen Platten und dreidimensional ausgebildeten Glasfaserbetonelementen. Sechs eigens für das PREVIER entwickelte Rot-Nuancen differenzieren die durchgefärbten Elemente. Abhängig von Licht, Schatten und Blickwinkel verändert sich dadurch die Wahrnehmung der Oberfläche.

Diese Plastizität verhindert, dass die große Baumasse statisch erscheint. Aus der Distanz werden Turm und Sockel als zusammenhängende, beinahe monolithische Figur lesbar; aus der Nähe treten Raster, Tiefe und Farbnuancen hervor. Die Fassade vermittelt damit zwischen den unterschiedlichen Maßstäben, die an diesem Ort aufeinandertreffen.

Zugleich stellen die warmen Rottöne einen Bezug zur Farbwelt der Hamburger Hafenarchitektur her, ohne deren historische Materialität unmittelbar zu imitieren. Das PREVIER setzt nicht auf Backstein als Zitat, sondern entwickelt mit Glasfaserbeton eine eigenständige Interpretation dieser Farbigkeit. Die Gebäudehülle wird so zum entscheidenden Mittel, um dem großen Volumen Identität und Wiedererkennbarkeit zu verleihen.


Prävention wird zum räumlichen Programm

Hinter der prägnanten äußeren Erscheinung steht eine für einen Bildungs- und Verwaltungsbau ungewöhnliche Nutzungsmischung. Das PREVIER bündelt vier Kernangebote: Qualifizierung, Veranstaltungen, Individualprävention und sogenannte Praxiswelten. BGW und VBG wollen mit diesen Angeboten jährlich rund 50.000 Besucherinnen und Besucher erreichen und Themen wie Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und die Arbeitswelt der Zukunft vermitteln

Eine zentrale Rolle spielen die frei zugänglichen „Praxiswelten“. In 14 interaktiven Themenbereichen sollen Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit unmittelbar erfahrbar werden. Ergänzt werden sie durch Seminare und Weiterbildungsangebote. Insgesamt verfügt das PREVIER über rund 36.500 Quadratmeter Nutzfläche.

Damit entsteht eine hybride Gebäudetypologie. Das PREVIER ist Schulungszentrum, Veranstaltungsort und Erfahrungsraum zugleich. Hohe Barrierefreiheitsstandards sowie öffentliche Aufenthalts- und Gastronomieangebote erweitern das Programm zusätzlich. Die Auftraggeberinnen verbinden damit den Anspruch einer inklusiven und zukunftsorientierten Präventionsarbeit.

Architektonisch ist gerade diese Öffnung interessant. Ein Thema, das zunächst institutionell und spezialisiert erscheinen mag, erhält einen öffentlichen Ort. Die Architektur muss entsprechend zwischen konzentrierter Wissensvermittlung und niedrigschwelliger Zugänglichkeit vermitteln. Das große Foyer und die zentrale Treppenskulptur sind vor diesem Hintergrund nicht nur spektakuläre Innenräume, sondern wesentliche Bestandteile des Nutzungskonzepts.


Großmaßstab mit öffentlichem Anspruch

Mit 40.978 Quadratmetern Bruttogrundfläche und einem Bruttorauminhalt von 170.829 Kubikmetern besitzt das PREVIER die Dimension eines städtischen Großbaus. Der Sockel umfasst sieben Geschosse, der Turm 17. Dem Wettbewerb im Jahr 2016 folgte im März 2020 der Baubeginn; fertiggestellt wurde das Gebäude im September 2026. Für das Projekt ist der Platin-Standard für nachhaltiges Bauen in der HafenCity angegeben, die Fassade wurde zudem für den Deutschen Fassadenpreis 2026 nominiert.

An der Planung war ein entsprechend großes Team beteiligt. Auer Weber verantworteten die Architektur und Objektplanung der Leistungsphasen 1 bis 9, in den Leistungsphasen 6 bis 9 gemeinsam mit Wenzel + Wenzel. Als Generalunternehmer fungierte Zech Hochbau. Die Freianlagen plante Atelier Loidl, für die Innenarchitektur zeichnet die Ippolito Fleitz Group verantwortlich, für die Lichtplanung Pfarré Lighting Design. Die Fassadenplanung übernahm PBI Entwicklung innovativer Fassaden.


Sichtbarkeit für ein unsichtbares Thema

Das PREVIER Hamburg gibt einem Thema architektonische Präsenz, das im Alltag meist erst dann Aufmerksamkeit erhält, wenn etwas nicht funktioniert: Prävention. Auer Weber übersetzen diesen abstrakten Auftrag in eine Architektur, die Sichtbarkeit und Zugänglichkeit miteinander verbindet. Außen entsteht eine robuste Großform, innen ein Gefüge aus Wegen, Begegnungsräumen und öffentlich zugänglichen Angeboten.

Gerade an den Elbbrücken gewinnt diese Strategie eine städtebauliche Dimension. Der Neubau markiert nicht nur einen Standort, sondern formuliert einen Auftakt zur HafenCity. Dass ausgerechnet ein Zentrum für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz diese prominente Rolle übernimmt, ist bemerkenswert. Das PREVIER zeigt, dass institutionelle Architektur nicht im Hintergrund bleiben muss – und dass ein funktional hoch spezialisiertes Gebäude zugleich ein Stück Stadt sein kann.

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