13.08.2026

Architektur Projekte

POST Rotterdam: Wie ein historisches Postamt zur neuen Stadtadresse wird

POST Rotterdam von ODA: Der 155 Meter hohe Turm erweitert das historische Postkantoor und verbindet zeitgenössische Hochhausarchitektur mit dem denkmalgeschützten Stadtkontext. Foto: Aiste Rakauskaite
POST Rotterdam von ODA: Der 155 Meter hohe Turm erweitert das historische Postkantoor und verbindet zeitgenössische Hochhausarchitektur mit dem denkmalgeschützten Stadtkontext. Foto: Aiste Rakauskaite

Rotterdam versteht Architektur als Zukunftsversprechen – und als Verpflichtung gegenüber seiner Geschichte. Mit POST Rotterdam hat das New Yorker Architekturbüro ODA nun die erste Phase eines Projekts abgeschlossen, das beides auf bemerkenswerte Weise miteinander verbindet: Hinter dem historischen Postkantoor am Coolsingel erhebt sich ein 155 Meter hoher Turm, der nicht als Solitär gedacht ist, sondern als architektonische Fortsetzung eines der bedeutendsten Bauwerke der Stadt.

Das ehemalige Hauptpostamt, entworfen von Gustav Cornelis Bremer und zwischen 1916 und 1923 errichtet, gehört zu den wenigen historischen Gebäuden, die den Rotterdam Blitz von 1940 überstanden haben. Während große Teile des historischen Stadtzentrums durch die Bombardierung zerstört wurden, blieb das monumentale Postkantoor erhalten. Mehr als ein Jahrhundert später erhält der Ort nun eine neue urbane Funktion.


POST Rotterdam: Weiterbauen statt Ersetzen

Die städtebauliche Idee von ODA beruht auf einem entscheidenden Perspektivwechsel. Der neue Turm soll nicht als Addition zum historischen Postamt gelesen werden, sondern als dessen Erweiterung. Damit folgt POST einem Prinzip, das für die Architektur des Büros zentral ist: Kein Gebäude existiert isoliert. Architektur soll vielmehr Beziehungen herstellen, öffentliche Räume aktivieren und die Grenzen zwischen privaten und gemeinschaftlich genutzten Bereichen durchlässiger machen.

Anstelle einer weiteren gläsernen Curtain-Wall-Hochhausarchitektur, wie sie die jüngere Skyline Rotterdams prägt, nimmt POST Bezug auf die steinerne Materialität, die Arkaden und die vertikale, beinahe gotische Ordnung des historischen Ensembles. Auch das benachbarte Rathaus wird zum Referenzpunkt.

Besonders prägnant ist der Fünf-Meter-Rhythmus der bestehenden Kolonnaden, der in das Fassadenraster des Hochhauses übertragen wird. So entsteht eine vertikale Kontinuität zwischen Bestand und Neubau, die bereits aus der Distanz erkennbar ist.

Ossip van Duivenbode
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Ein Hochhaus mit historischem Gedächtnis

Die Fassade von POST verbindet moderne Konstruktion mit einer bewusst historischen Anmutung. Individuell entwickelte, versetzt angeordnete Bögen und vertikale Pfeiler aus glasfaserverstärktem Beton – GFRC – erzeugen eine dreidimensionale Struktur, die an die Wärme und Textur von Naturstein erinnert. Ergänzt wird sie durch Ziegel sowie ein energieeffizientes, elementiertes Aluminium-Vorhangfassadensystem.

Gerade diese Kombination verleiht dem Hochhaus seinen eigenständigen Charakter. POST versucht nicht, historisch zu wirken. Vielmehr abstrahiert es die architektonische Sprache des Ortes und übersetzt sie in eine zeitgenössische Hochhausarchitektur.

Das Ergebnis ist ein Gebäude, das sich deutlich von der gläsernen Vertikalität vieler anderer Türme Rotterdams unterscheidet – und gerade dadurch Teil der Stadtgeschichte werden kann.


Der öffentliche Raum als eigentliche Architektur

Besonders interessant wird POST dort, wo die Hochhausarchitektur auf Stadtraum trifft. Der erhöhte Sockel des Turms überspannt den bestehenden Hof an der Rodezand-Flanke und schafft eine gewölbte, überdachte Zone. Seine Form nimmt die Gewölbesprache der historischen Großen Halle des Postkantoor auf.

Diese Halle ist das eigentliche Herz des Ensembles. Mit einer Höhe von 22,5 Metern besitzt sie eine monumentale räumliche Qualität, die derzeit im Rahmen einer denkmalgerechten Restaurierung wiederhergestellt wird. Verantwortlich sind die Omnam Group als Entwickler und strategischer Impulsgeber, ODA als Architekt und Interior Designer sowie Braaksma & Roos Architectenbureau als Monument Architect of Record und Heritage Supervisor.

Künftig soll die Große Halle nicht nur restauriertes Baudenkmal sein, sondern öffentlicher Stadtraum: Geschäfte, Galerien, Restaurants und Cafés sollen den Ort beleben. Zugleich wird der Zugang erweitert und der ehemals weitgehend abgeschlossene Komplex stärker mit seiner Umgebung verknüpft.

Ossip van Duivenbode
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Drei Seiten, ein urbaner Durchgang

In der nächsten Projektphase erhält die Rodezand-Fassade einen neuen Eingang. Damit wird das Postkantoor künftig von drei Seiten zugänglich sein: über Coolsingel, Meent und Rodezand.

Aus einem vormals abgeschlossenen Monument entsteht damit ein durchlässiger Bestandteil des Stadtgefüges. Blickbeziehungen zwischen Straße und Innenraum sollen die Schwelle zwischen öffentlichem Außenraum und innerem Stadtraum auflösen. Cafés, Gastronomie, Einzelhandel und kulturelle Nutzungen werden diese neue Porosität verstärken.

ODA beschreibt diese Haltung mit dem programmatischen Satz „Porosity Leads to Prosperity“. Gemeint ist die Überzeugung, dass Gebäude ihren städtebaulichen Wert steigern, wenn sie sich der Stadt öffnen – nicht nur als Adresse, sondern als Weg, Aufenthaltsort und gemeinsamer Raum.


Ein Modell für die Transformation bestehender Stadtstrukturen

POST Rotterdam ist deshalb mehr als ein Hochhausprojekt. Es steht exemplarisch für eine zentrale Frage der europäischen Stadtentwicklung: Wie lassen sich untergenutzte historische Gebäude langfristig erhalten und zugleich für eine neue Generation urbaner Nutzer öffnen?

Das ehemalige Postamt war über ein Jahrzehnt ungenutzt. Seine Revitalisierung verbindet nun Denkmalpflege mit neuen Wohn-, Handels- und Hospitality-Angeboten. Der Ansatz könnte damit über Rotterdam hinaus relevant werden: Statt historische kommunale Architektur lediglich zu konservieren, wird sie funktional erweitert und wirtschaftlich neu positioniert.

Die architektonische Strategie von ODA liegt dabei gerade nicht im Bruch mit dem Bestand. Sie setzt auf Weiterbauen, Überlagern und Öffnen. Der neue Turm finanziert und ergänzt gewissermaßen eine neue urbane Zukunft für den historischen Komplex, während der Bestand dem Hochhaus seine Identität verleiht.


Rotterdam baut seine Geschichte weiter

Mit seinen 155 Metern gehört POST zu den markanten Hochhäusern im Zentrum Rotterdams. Seine eigentliche Bedeutung liegt jedoch weniger in der Höhe als in der Beziehung zum historischen Postkantoor.

Der Turm macht aus einem abgeschlossenen Denkmal einen urbanen Knotenpunkt, verbindet Wohnen, Arbeiten, Gastronomie und Handel und stärkt zugleich die öffentliche Dimension des Ortes. Das Projekt zeigt damit eine Architektur, die Geschichte nicht als statisches Bild versteht, sondern als Ausgangspunkt für neue Nutzung.

POST steht für eine Form des urbanen Weiterbauens, bei der Vergangenheit und Gegenwart nicht miteinander konkurrieren. Der neue Turm wächst aus dem historischen Kontext heraus – und gibt ihm zugleich eine neue Rolle im Stadtleben.

Rotterdam erhält damit nicht einfach ein weiteres Hochhaus. Die Stadt erhält einen neuen öffentlichen Ort, der beweist, dass ein Denkmal seine zweite Chance bekommen kann: nicht indem es unverändert bleibt, sondern indem es wieder Teil der Stadt wird.

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