10.12.2021

Architektur Gewerbe

Neuzugang in der Skyline

von Redaktion Baumeister

Zwei neue Hochhäuser und ein sechsgeschossiges Bürohaus sind im neuen Frankfurter „Senckenberg-Quartier“ fast fertiggestellt. Vor allem der 145 Meter hohe Wohnturm „140 West“ hebt sich vom Üblichen ab. Ein vierter Baustein, ein Kindergarten, ist noch in Planung.

Es erweist sich als kluger Schachzug für die Frankfurter Stadtplanung: 2001 konnten die Geisteswissenschaften der Goethe-Universität in das gewaltige I.G.-Farben-Haus umziehen, damit war endlich eine sinnvolle Nutzung für den leerstehenden Poelzig-Bau von 1931 gefunden. Offenbar hatte man diesen Vorschlag anfangs als „Schnapsidee“ abgetan. Doch seither hat sich der Uni-Campus Bockenheim auf der anderen Seite der Stadt immer mehr geleert und Platz gemacht für eine neue Entwicklung dieses Geländes. Jetzt entstand die Chance, die ehemalige Insellage der Uni aufzulösen und das Gebiet an die umliegenden Quartiere anzubinden.

Foto: WICONA

Dem städtebaulichen Entwurf von Cyrus Moser gelingt das. Die Gebäude auf dem Gelände zwischen Messe im Süden und Bockenheimer Warte im Norden, in direkter Nachbarschaft des Senckenberg-Museums sind inzwischen fertiggestellt, und man kann sich selbst davon überzeugen. Ein Hochhaus hatte es an dieser Stelle dort zuvor auch gegeben. Der „AfE-Turm“ von 1972 – kurz für Abteilung für Erziehungswissenschaft – war 2014 gesprengt worden. Nun steht ein neuer Turm an seinem Platz, oder besser gesagt zwei. Das „140 West“ mit 145 Metern Höhe und das „99 West“ mit 109 Metern.

Der städtebauliche Entwurf von Cyrus Moser ist eigentlich vierteilig. Er definiert zwar den Blockrand durch die Position von vier Gebäuden, bleibt aber durchlässig. Die Bausteine bilden ein Wohnturm mit 40 Geschossen, ein Bürohochhaus mit 26 Ebenen, eine kleinere Verwaltungseinheit mit sechs Ebenen und eine Kita, die jedoch noch nicht gebaut ist. Die Eingänge der drei bereits fertiggestellten, relativ dicht stehenden Baukörper orientieren sich zu einem gemeinsamen Platz, so dass eine neue Mitte entsteht.

Foto: Walter Luttenberger
Foto: Walter Luttenberger

Der Wohnturm 140 West

Attraktion des Gebäudeensembles ist zweifellos der 145 Meter hohe Wohnturm. Er beherbergt ein Hotel, Gastronomie und oben Wohnungen und fußt auf einem Sockel mit hinterlüfteter Glasfaserbetonbekleidung. Dabei kombiniert er dunkle Blechbekleidungen mit Lochfenstern. Hotel und Wohnungen haben separate Eingänge, wobei der Zugang zu den Wohneinheiten mit einer breit angelegten Auskragung besonders inszeniert wird. Über dem Sockel stapeln sich dann bis zum 23. Geschoss die Hotelebenen, verkleidet mit einer glatten Stahl-Pfosten-Riegel-Fassade. Eine Zäsur etwa auf halber Höhe im Baukörper setzt ein auskragender Glaskasten, die Sky-Bar des Hotels mit Aussichtsterrasse, und das Technikgeschoss.

Ab dem 24. Stockwerk klettern auskragende Balkonelemente in raffinierter diagonaler Reihung versetzt um den Turm. Ihr Rhythmus wird durch die weiß verkleideten Decks noch hervorgehoben. Dabei entsteht ein lebendiges Bild, das den Turm eindeutig von den üblichen gläsernen Frankfurter Bürohochhäusern absetzt. Die 187 Wohneinheiten bieten einen unverstellten Blick in die Ferne durch bodentiefe Panoramafenster und verglaste Brüstungen. Wenig überraschend waren die Apartments in Richtung Frankfurter Hochhaus-Skyline schnell vergeben. „Der Balkon ist wichtig im Frankfurter Kontext,“ erläutert Andreas Moser den Entwurf. Die „lebendige Fassade“ weise schon von Weitem auf die Wohnnutzung hin und ermögliche eine „vertikale Nachbarschaft“. Tatsächlich sind die Sichtachsen damit versetzt, so dass man sich von Balkon zu Balkon zuwinken kann, wenn man möchte.

Die Balkone sind nicht zuletzt auch konstruktiv bemerkenswert. Die Elemente mit den hohen Anforderungen in Bezug auf Windlast und Brand- und Schallschutz wurden im Werk vorgefertigt, um am Rohbau einzusparen. Die ausführende Firma Lindner musste hier Präzisionsarbeit leisten, denn die Balkondecks sind etwa 400 bis 600 Kilogramm schwer und wurden von außen in die Stahlkonstruktion des Turms eingehängt. Der Hersteller montierte auch die Alu-Elementfassade samt Balkonen und Vordächern. Außerdem die teils raumhohen Balkonverglasungen, Glasgeländer, Trennwandschotts sowie die manuell und motorisch betriebenen Schiebetüren.

Foto: Thomas Mayer

Der Büroturm 99 West, der „Senckenbergturm“

Außerdem verfügt das Hotel im 140-West-Gebäude auch über einen Ball- und Veranstaltungssaal. Diesen hat man unter anderem aus Brandschutzgründen neben den Wohnturm gestellt. Er bildet die niedrige visuelle Verbindung zum benachbarten Büroturm für 1.200 Arbeitsplätze, den die Bank BNP Paribas gerade bezieht. Dieses klassische Glashochhaus dominiert eine vertikal strukturierte Gliederung. Nur alle paar Geschosse wird sie durch etwas versetzte vertikale Fassadenelemente als leichte horizontale Varianz unterbrochen. Die einzelnen Geschossdecken hinter der durchgehenden Glasfassade sind schwarz und damit unsichtbar gehalten, um die vertikale Struktur nicht zu stören. Die Mitarbeiter profitieren in diesem Bau von schmalen Lüftungsflügeln in der Fassade, die sie selbst bedienen können. Zudem können sie auch die großzügige Dachterrasse auf dem verbreiterten unteren Ausleger des Turms nutzen.

Foto: Thomas Mayer

Das Bürohaus 21 West

Der sechsgeschossige Büroquader für 380 Mitarbeiter bildet die Ecke an der Robert-Mayer-Straße/Senckenberganlage. Er weist dieselbe Fassade wie das Bankhaus nebenan auf. Hier wird im Erdgeschoss bald ein Restaurant einziehen. Dadurch wird der neue Platz in der Mitte des Senckenberg-Quartiers auch abends belebt.

Als die Architekten Cyrus Moser 2016 den Wettbewerb für die Entwicklung des Senckenberg-Quartiers gewonnen haben, waren sie selbst überrascht. Denn immerhin hatten einige namhafte internationale Büros mit langer Erfahrung auf diesem Gebiet teilgenommen, gegen die sie sich durchsetzen konnten. Um endlich ihr erstes Hochhaus zu bauen. Während sie in den letzten 20 Jahren vor allem durch private Villen bekannt geworden waren, haben sie inzwischen weitere Hochhäuser in Planung. Auch das Senckenberg-Quartier wird sich nach ihren Plänen weiter verändern. Es sollen noch einige ausgediente Uni-Gebäude abgerissen werden. Stattdessen ist ein breiter Grünstreifen vorgesehen, der das gesamte Areal in Nordsüdrichtung durchzieht. Vor allem auch darüber werden sich die Nachbarn im Westend und in Bockenheim freuen.

Bauherr: Joint Venture Commerz Real und Groß & Partner Grundstücksentwicklungsgesellschaft

Architekten: CMA Cyrus Moser Architekten; DJP Dietz Joppien Architekten

Fassadenplanung: DS Plan

Fertigstellung: 2021

Apropos Skyline: Hier stellen wir Ihnen die zehn höchsten Gebäude Deutschlands vor.

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