Moritzkirche in Augsburg

Man kann es ahnen: Dieser rigide Eingriff wird nicht jedem Frommen sofort gefallen. Doch es ist auch ein Lehrstück: Mit der Neugestaltung von St. Moritz in Augsburg soll der Kirchenraum als solcher zum Ausdruck für die befreiende Botschaft des christlichen Glaubens werden.

Die ehemalige Stiftskirche St. Moritz, die heute als katholische Stadtpfarrkirche dient, wurde 1019 gegründet. Brand, Einsturz und vergrößerter Neubau veränderten das Bauwerk, dessen heutiger Bestand wohl hauptsächlich aus der Mitte des 15. Jahrhunderts stammt. Weitere Umbaumaßnahmen und eine barocke Neuinterpretation durch Johann Jakob Herkommer veränderten die Kirchenschiffe mit Flachkuppeln, gerundeten Spitzbögen und Stuckaturen. Erhalten blieb die Großform eines basilikalen Langhauses mit vier Jochen und sieben seitlichen Arkaden. 1944 wurde das Gebäude bei einem Fliegerangriff bis auf die Außenmauern zerstört, die Ausstattung ist größtenteils verbrannt. Mit dem Wiederaufbau „in zeitgenössischer Form“ und „asketischer Strenge“ wurde Dominikus Böhm beauftragt. Mitte der sechziger Jahre führte die Liturgiereform zu erneuten Eingriffen, aber auch in der Folgezeit erfreute sich die Kirche einer unglücklichen Zuwendung (unter anderem wurde das Bodenniveau um 1,50 Meter angehoben), wodurch die nüchterne Wandbehandlung durch Böhm ihre Kraft verloren hat. Soweit dokumentieren es die Kunsthandbücher.

In ihrer nächsten Auflage werden sie ergänzen, dass der heutige Pfarrer Helmut Haug und sein Gemeinderat das heterogene, düstere Konglomerat aus „Respekt vor der komplexen Vergangenheit“ und als „Bekenntnis für die Zukunft der Kirche“ einer radikalen Neugestaltung unterzogen haben. Den Auftrag hatte man nach einem Besuch des Trappistenklosters in Nový Dvůr John Pawson übertragen. Dessen schmucklose, nicht von Details, sondern vom Licht geprägten Räume überzeugten die Kirchenvertreter, und dass der britische Architekt auch die Substanz ihrer mittelalterlichen Wegekirche aus der Kakophonie der historischen Eingriffe herauspräparieren könnte. Das „visuelle Fasten“ begann versuchsweise mit einer künstlerischen Bereinigung, einer temporär installierten Leere.

Im Detail wurde vieles verändert, umgruppiert, lesbar gemacht für Gerechte und Ungerechte. Denn diese Kirche steht nicht nur praktizierenden Gläubigen offen, sie will auch agnostische Immunsysteme affizieren. Dazu lädt der Christus Salvator ein, ein geschnitztes Meisterwerk von Georg Petel aus dem Jahr 1632, das jetzt im Chorraum frei aufgestellt wurde. Selten hat man den Gottessohn freundlicher, beschwingter und jugendlicher auf sich zukommen sehen.

Mehr dazu im Baumeister 11/2013

Fotos: Gilbert McCarragher, Jens Weber