Echos aus der Vergangenheit

Wie sieht die Architektur der zukünftigen Gegenwart aus? Der junge Münchner Architekt Max Otto Zitzelsberger blickt in die Vergangenheit, um eine Antwort darauf zu finden.

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Max Otto Zitzelsberger ist Träger des weißenhof-architekturförderpreises 2018. Foto: Jens Gerhard Schnabel

Was ist Architektur? Eigentlich eine einfache Frage, die aber momentan gar nicht so einfach zu beantworten ist. Während man in den Nuller Jahren auf Stararchitekten wie Frank Gehry, Zaha Hadid oder Rem Koolhaas und deren weltweit verteilte Ikonenarchitektur verwiesen hätte, sieht die Lage heute anders aus. Eine neue Architektengeneration wächst gerade heran, die eine andere Antwort für sich sucht und teilweise auch gefunden hat. Das Gewöhnliche, Regionale, Unaufgeregte ist es, was diese jungen Architekten interessiert, eine Architektur, die ein Bestandteil unserer Alltagskultur ist, sich gleichzeitig aber auch von ihr abhebt.

Echos aus der Vergangenheit

Das gilt auch für Max Otto Zitzelsberger, der mit einigen kleinen, aber auch feinen Projekten auf sich aufmerksam gemacht hat. Dazu zählen ein Hühnerhaus (Baumeister 10/15), eine Bushaltestelle und eine vom Biedermeier inspirierte Möbelserie. Sanierungen gehören ebenfalls zum Portfolio des jungen Münchner Architekten, sei es ein alter Heustadel, ein kleiner Turm aus der Biedermeierzeit oder eine Wohnung in einem von Sep Ruf entworfenen Gebäude (Baumeister 3/17). Allen Arbeiten wohnt ein spezifischer Historismus inne, der aber nichts Historisierendes hat. Die verschiedenen Baustile hallen vielmehr wie Echos in den jeweiligen Projekten wieder – mal fühlt man sich an den Biedermeier erinnert, mal an die Nachkriegsarchitektur der 1950er Jahre. Ist das jetzt postmodern? Zitzelsberger selbst spricht vom „Berühren“ in der Architektur. Er will Emotionen auslösen, indem er an Vertrautes erinnert – womit er sich grundlegend von den akademisch-ironischen Spielereien postmoderner Architekten unterscheidet.

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Das Wartehäusschen in Landsberg inklusive frei stehendem Uhrenturm. Foto: Sebastian Schels
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Sanierung eines alten Heustadels im bayerischen Kneiting. Blick vom Gemüsegarten auf das Gebäude. Foto: Sebastian und Simon Schels
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Das Kunst Kabinett in einem Turm, der von Zitzelsberger saniert wurde. Foto: Sebastian Schels

Bourgeoisie versus Bohème

Dass dieses Erinnern nicht nur rückwärtsgewandt ist, sondern vielmehr einen Transformationsprozess durchläuft, der auch in die Gegenwart weist, wird besonders an der bereits erwähnten Möbelserie deutlich: Das sogenannte „Kunst Kabinett“ orientiert sich gestalterisch an der Epoche des Biedermeier, ist aber aus Birkenfurniersperrholz gefertigt und sichtbar zusammengesteckt. Kunsthandwerk trifft hier auf eine Baumarktästhetik, wie man sie von den Möbelskulpturen Donald Judds oder des Möbelherstellers Nils Holger Moormann kennt. Diese Gegensätze ziehen sich wie ein roter Faden durch Zitzelsbergers Arbeit: Tradition versus Moderne, Handwerk versus Industrialisierung, Bourgeoisie versus Bohème.

In der Unentschiedenheit der Haltung steckt eine gewisse Radikalität – ein Mut zur uneindeutigen Antwort, die vor allem das Synonym einer Suche ist. Das wird an einem Wettbewerb deutlich, an dem Zitzelsberger gerade in Kooperation mit dem belgischen Büro Veldwerk Architecten arbeitet. Dort geht es um den Entwurf eines Aussichtsturms für die kleine belgische Stadt Eernegem. In den dafür angefertigten Arbeitsmodellen sucht man vergeblich nach historischen Zitaten. Die abstrakte Moderne hat hier die Oberhand über den narrativen Historismus gewonnen. Trotzdem wird die Form nicht zum reinen Selbstzweck. Wenn man mit Zitzelsberger  über das Projekt spricht, gerät er ins Schwärmen und zeigt einem Fotos, die er in Eernegem gemacht hat. Darauf ist belgische Alltagsarchitektur zu sehen, vor allem landwirtschaftliche Gebäude wie Garagen und Ställe, deren spröde Ästhetik ihn fasziniert und inspiriert. Damit bleibt er seiner Grundintention treu, indem er die bayrische Erzählung mit einer belgischen ersetzt.

Spiel mit der Zeit

Es gibt aber auch ganz konkrete Vorbilder wie das Münchner Architekturbüro Hild und K . Dessen Spiel mit der Ornamentik hat ihn maßgeblich beeinflusst, vor allem ihr Entwurf für eine Bushaltestelle am Ländtorplatz in Landshut. Mittlerweile hat Zitzelsberger selbst ein Möbel für die Stadt im Süd-Osten Bayerns entworfen – ein Wartehäuschen aus Metall mit einem frei stehenden Uhrenturm. Das kleine Ensemble befindet sich am Bismarckplatz und orientiert sich am Stadtmobiliar des 19. Jahrhunderts. Zitzelsberger will hier einen Gegenentwurf zur „großen gestalterischen Leere unserer Städte“ setzen, wie er es bezeichnet.  In den Details der Konstruktion klingen einmal mehr die Echos aus der Vergangenheit nach, seien es Verbindungselemente, die an klassische Techniken des Schmiedehandwerks erinnern, oder eine Beschichtung aus Eisenglimmerlack, die ganz analog mit dem Pinsel aufgetragen wurde.

Aus all diesen Arbeiten spricht der Wille sich mit dem Ort und seiner Geschichte auseinanderzusetzen, um daraus Schlussfolgerungen für die Gegenwart und eine mögliche Zukunft zu ziehen. Inwieweit diese subtile Arbeitsweise bei größeren Projekten und deren innewohnende Zwänge funktioniert, wird sich hoffentlich zeigen. Man wünscht sich jedenfalls mehr davon.