Die dritte und letzte Ausgabe zum Thema Zirkularität konzentriert sich auf das Thema der Kreisläufe selbst. Wir zeigen Architekturprojekte mit der Wiederverwendung ganzer Bauteile über die Anwendung von Cradle-to-Cradle-Prinzipien bis zu Gebäuden, die vollständig rückgebaut werden können, um auch zukünftig Abfall zu vermeiden. Und wir gehen der Frage nach, wie konsequent Architektinnen und Architekten heute schon auf Kreislaufwirtschaft setzen können und welche Rolle dabei Planung, Materialwahl und Bauprozesse spielen.
Zirkularität – was für ein Wort. Es klingt sanft und streng zugleich. Ein Kreislauf, der alles verbindet: Anfang und Ende, Nutzen und Rückbau, Ethik und Entwurf. Ein Wort, das Ruhe ver- spricht inmitten einer krisengeplagten Gegenwart. Denn wer im Kreis denkt, hat keinen Abgrund vor sich – sondern eine Rückkehr in Aussicht. Zirkularität verheißt: Es geht weiter. Immer. Anders.
Doch wer sich mit dem zirkulären Bauen beschäftigt, merkt schnell: Der Kreis ist trügerisch. Er verlangt viel. Von Architekturschaffenden, von Ausführenden, von Bauherren. Er duldet keine Bequemlichkeit, keine Halbherzigkeit. Und schon gar keine Nostalgie. Zirkularität fordert ein radikal anderes Denken: über Zeit, Verantwortung, Ressourcen – und über Architektur selbst. Denn wer zirkulär plant, plant nicht für den Moment, sondern für Transformation. Für Rückbau. Für Wiederverwendung. Für eine Zukunft, die wir nur erahnen.
Dabei ist Zirkularität längst mehr als ein planerischer Modus. Sie ist eine kulturelle Haltung. Eine ethische Entscheidung. Und vielleicht auch eine neue Form von Spiritualität – eine, die nicht auf Erlösung hofft, sondern auf Rückführung. Auf das Prinzip, dass nichts endgültig ist und alles in den Stoffkreislauf zurückkehren darf. Aber genau hier beginnt die Herausforderung: Wie organisiert man einen Kreislauf in einem System, das noch immer linear tickt?
Denn was auf dem Papier so elegant wirkt – Rückbaukonzepte, Materialpässe, Lebenszyklusanalysen – ist in der Realität oft widersprüchlich, unvollständig, bürokratisch überfrachtet. Nicht selten wird der Begriff der Zirkularität zur PR-Hülse, zum grün glänzenden Gütesiegel für Prozesse, die mit echtem Umdenken wenig zu tun haben. Der Kreislauf als Komfortzone – mit eingebauter moralischer Absicherung.
Doch Zirkularität ist kein Selbstzweck. Sie ist keine Garantie für gutes Bauen. Und kein Ersatz für Haltung. Wer zirkulär baut, muss trotzdem entscheiden: Was bleibt? Was darf gehen? Was verdient ein zweites Leben – und was war vielleicht schon beim ersten überflüssig? Der Kreis allein reicht nicht. Es braucht Maß, Intuition und den Mut, Komplexität zuzulassen.
Diese Ausgabe widmet sich dem Kreislauf in all seinen Facetten – theoretisch, praktisch, visionär. Sie fragt: Wo beginnt das Umdenken wirklich? Und was heißt es, heute für das Morgen zu gestalten – nicht als Ideal, sondern als reale Verantwortung?
Ich wünsche Ihnen eine inspirierende Lektüre. Und vielleicht ein neues Verständnis davon, was bleiben darf – und was besser wiederkommt. Natürlich freue ich mich, auch diesmal, über Ihre Anregungen.
Herzlichst,
Tobias Hager
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Im Juli und August handelte unsere Baumeister-Ausgabe von Hüllen. Lesen Sie hier mehr dazu!
