16.09.2026

Architektur Event

Jan Gehl wird 90

Jan Gehl wird 90: Die Ausstellung „Cities for People“ im Danish Architecture Center untersucht, wie Architektur und öffentlicher Raum Gesundheit, Wohlbefinden und Gemeinschaft prägen. Foto: Sandra Henningson
Jan Gehl wird 90: Die Ausstellung „Cities for People“ im Danish Architecture Center untersucht, wie Architektur und öffentlicher Raum Gesundheit, Wohlbefinden und Gemeinschaft prägen. Foto: Sandra Henningson

Jan Gehl wird 90. Der dänische Architekt und Stadtplaner hat wie kaum ein anderer den Blick auf die Stadt verändert: weg vom Gebäude als Einzelobjekt, hin zum Leben zwischen den Häusern. Zum Jubiläum widmet das Danish Architecture Center in Kopenhagen seinem Werk die Ausstellung „Cities for People“. Sie zeigt, wie öffentliche Räume Bewegung, Gesundheit, soziale Kontakte und unser Gefühl von Zugehörigkeit beeinflussen.

Was macht eine gute Stadt aus? Ihre Skyline? Ihre Architektur? Ihre Infrastruktur? Oder vielleicht etwas viel Alltäglicheres: die Möglichkeit, auf dem Weg nach Hause spontan stehen zu bleiben, Freunde zu treffen, Fahrrad zu fahren, im Schatten eines Baumes zu sitzen oder einen Platz zu durchqueren, ohne sich dabei dem Verkehr ausgeliefert zu fühlen?

Für Jan Gehl beginnt Stadtplanung genau hier – beim Menschen und seinem alltäglichen Verhalten.

2026 wird der dänische Architekt und Stadtplaner 90 Jahre alt. Seit mehr als einem halben Jahrhundert beschäftigt er sich mit der Frage, wie Städte beschaffen sein müssen, damit Menschen sich in ihnen wohlfühlen. Seine Bücher wurden in mehr als 40 Sprachen übersetzt, seine Methoden werden weltweit angewendet. Die von ihm mitgegründete Praxis Gehl führt diesen Ansatz heute international weiter.

Zum Jubiläum widmet das Danish Architecture Center (DAC) in Kopenhagen seinem Lebenswerk die Ausstellung „Cities for People“. Sie eröffnet am 5. Oktober 2026 und untersucht die Stadt konsequent aus menschlicher Perspektive.


Die Stadt beginnt beim Menschen

Gehls vielleicht wichtigste Intervention in die Stadtplanung war eine methodische. Statt zuerst Gebäude, Straßen und Verkehrsströme zu betrachten, richtet sich sein Blick auf das Verhalten der Menschen.

Wo bleiben sie stehen? Wie lange verweilen sie? Welche Wege wählen sie? Wo fühlen sie sich sicher? Was lädt zum Gespräch ein – und was verhindert Begegnung?

Diese Perspektive geht auf die gemeinsame Arbeit von Jan und Ingrid Gehl in den 1960er- und 1970er-Jahren zurück. 1971 erschien das grundlegende Buch „Life Between Buildings“, in dem die Räume zwischen den Gebäuden zum eigentlichen Gegenstand der Untersuchung wurden.

Mehr als fünf Jahrzehnte später ist diese Perspektive aktueller denn je. Städte müssen heute gleichzeitig mit Klimawandel, zunehmender Verdichtung, Mobilitätsfragen, sozialer Isolation und gesundheitlichen Herausforderungen umgehen.

Die Ausstellung „Cities for People“ stellt deshalb eine grundlegende Frage: Wie beeinflusst die gebaute Umwelt unser Leben?


„Cities for People“: Stadt als Lebensraum

Das DAC untersucht in seiner neuen Hauptausstellung nicht nur, wie Städte aussehen, sondern wie sie sich anfühlen und was sie mit ihren Bewohnern machen.

Ausgangspunkt ist die menschliche Maßstäblichkeit. Öffentliche Räume werden dabei als soziale und gesundheitliche Infrastruktur verstanden. Straßen und Plätze ermöglichen Bewegung und Begegnung, können aber ebenso Stress, Unsicherheit oder Isolation erzeugen.

Die Ausstellung zeigt anhand von Daten, Studien und konkreten Beispielen, wie Gestaltung auf körperliche Aktivität, psychisches Wohlbefinden, Luftqualität, soziale Kontakte und Inklusion einwirkt. Betrachtet werden unter anderem Städte wie Kopenhagen, New York, Sydney, Seattle, Buenos Aires und Shanghai.

Damit verlässt „Cities for People“ den vertrauten Rahmen einer klassischen Architekturausstellung. Es geht nicht primär um einzelne Gebäude oder spektakuläre Entwürfe. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Frage, wie urbane Räume das alltägliche Leben organisieren.


Was macht einen öffentlichen Raum gut?

Ein zentraler Bestandteil von Gehls Arbeit sind Kriterien für die Qualität öffentlicher Räume. Sie reichen von Schutz und Sicherheit über Komfort und Bewegungsfreiheit bis hin zu Möglichkeiten für Aufenthalt, Spiel und soziale Interaktion.

Dabei geht es nicht um eine universelle Gestaltungsvorschrift. Ein guter Platz kann sehr unterschiedlich aussehen. Entscheidend ist, ob er Menschen tatsächlich Möglichkeiten eröffnet.

Ein Raum kann formal perfekt gestaltet sein und dennoch leer bleiben. Umgekehrt kann ein scheinbar unspektakulärer Ort eine enorme soziale Qualität entwickeln, wenn Menschen dort gerne verweilen.

Gehls Ansatz verschiebt deshalb den Maßstab architektonischer Bewertung: Nicht allein das Aussehen eines Ortes zählt, sondern das Leben, das er ermöglicht.


Kopenhagen als urbanes Versuchsfeld

Kopenhagen ist für diese Haltung ein besonders anschauliches Beispiel. Die dänische Hauptstadt verfügt über ein dichtes Netz an Radwegen, zahlreiche öffentliche Plätze und Parks sowie urbane Räume, die stärker auf Fußgänger und Radfahrer ausgerichtet sind.

Auch der Hafen ist längst mehr als Infrastruktur. Die Hafenbäder haben sich zu öffentlichen Treffpunkten entwickelt, an denen Menschen mitten in der Stadt schwimmen und sich aufhalten.

Die Ausstellung nimmt diese Entwicklungen zum Ausgangspunkt, geht aber weit darüber hinaus. Denn die Frage nach der menschenfreundlichen Stadt ist längst ein globales Thema.

In Städten weltweit werden Straßen begrünt, autofreie Bereiche geschaffen und neue Formen des öffentlichen Lebens erprobt. Dabei geht es nicht nur um Gestaltung, sondern um die Frage, wie Städte gesünder, zugänglicher und sozial vielfältiger werden können.


Zwischen Wohlbefinden und Überforderung

Die Stadt ist für Gehl kein idealisierter Ort. Urbanes Leben bietet Gemeinschaft, Energie und Möglichkeiten – kann aber ebenso Stress, Einsamkeit und Unsicherheit erzeugen.

Das DAC stellt deshalb auch die widersprüchlichen Erfahrungen des Stadtlebens in den Mittelpunkt. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt heute in Städten; nach Angaben der Vereinten Nationen könnte dieser Anteil bis 2050 auf nahezu 70 Prozent steigen. Gleichzeitig gehören psychische Belastungen und Einsamkeit zu den globalen gesundheitlichen Herausforderungen.

Damit wird Stadtgestaltung zu einer gesundheitspolitischen und gesellschaftlichen Aufgabe.

Wenn Menschen täglich zu Fuß gehen können, wenn öffentliche Räume zum Aufenthalt einladen, wenn soziale Begegnungen selbstverständlich möglich sind und wenn unterschiedliche Bevölkerungsgruppen denselben Stadtraum nutzen können, verändert sich nicht nur das Stadtbild.

Es verändert sich der Alltag.


Die Perspektive der Nutzer

Eine besondere Qualität der Ausstellung liegt darin, dass sie Besucher nicht ausschließlich zu Beobachtern macht.

„Cities for People“ fordert dazu auf, die eigene Stadt mit anderen Augen zu betrachten. Denn Städte werden nicht nur von Architekten und Stadtplanern geprägt. Sie werden jeden Tag von ihren Bewohnern interpretiert, genutzt und verändert.

In der Ausstellung lässt sich beispielsweise körperlich erfahren, wann ein Ort als sicher oder unsicher empfunden wird. Dabei wird auch deutlich, dass derselbe öffentliche Raum von unterschiedlichen Menschen ganz verschieden wahrgenommen werden kann – abhängig von Alter, Geschlecht oder persönlicher Lebenssituation.

Das ist ein entscheidender Punkt: Die menschliche Maßstäblichkeit ist keine objektive Größe.

Was für die eine Person ein lebendiger Platz ist, kann für eine andere ein überfordernder oder unsicherer Ort sein.


Von der Beobachtung zur Planung

Gehls Methode beginnt deshalb mit Beobachtung. Erst wenn verstanden wird, wie Menschen einen Raum tatsächlich nutzen, kann über seine Veränderung nachgedacht werden.

Diese Haltung hat auch die Arbeit der Praxis Gehl geprägt, die seit mehr als 25 Jahren an menschenorientierten Stadtentwicklungsprojekten weltweit arbeitet. 

Das Büro versteht Stadtplanung dabei weniger als abstrakte Disziplin denn als Untersuchung des urbanen Alltags.

Wie bewegen sich Menschen? Wo entstehen spontane Begegnungen? Welche Räume funktionieren – und welche nicht?

Solche Fragen können banal erscheinen. In ihrer Konsequenz sind sie jedoch radikal, weil sie die Prioritäten der Stadtplanung neu ordnen.


Die Rückkehr des menschlichen Maßstabs

Die Aktualität von Gehls Denken liegt auch darin, dass sich die großen Herausforderungen der Stadtentwicklung zunehmend mit Fragen des Alltags überschneiden.

Klimaanpassung verlangt mehr Bäume und weniger versiegelte Flächen. Die Verkehrswende braucht attraktive Räume für Fuß- und Radverkehr. Gesundheitsfördernde Stadtplanung braucht Möglichkeiten für Bewegung und Aufenthalt. Eine inklusive Stadt braucht öffentliche Räume, die von möglichst unterschiedlichen Menschen genutzt werden können.

Was zunächst wie unterschiedliche politische und planerische Aufgaben erscheint, trifft sich im öffentlichen Raum.

Genau dort setzt „Cities for People“ an.

Die Ausstellung zeigt, dass Stadtgestaltung nicht nur eine Frage von Form und Funktion ist. Sie beeinflusst, wie wir uns bewegen, wie wir uns begegnen, wie wir uns fühlen und wie wir miteinander leben.


Ein Vermächtnis ohne nostalgischen Blick zurück

Zum 90. Geburtstag von Jan Gehl geht es deshalb weniger um eine Rückschau als um die Zukunft.

Seine zentrale Idee ist bemerkenswert einfach: Beginne bei den Menschen, bevor du Straßen zeichnest und Gebäude entwirfst.

Die Herausforderung besteht darin, diese einfache Idee in komplexen urbanen Systemen umzusetzen. Stadtentwicklung ist immer auch eine Frage von Eigentum, Politik, Mobilität, Ökonomie und Infrastruktur. Der menschliche Maßstab allein löst diese Konflikte nicht.

Er liefert jedoch einen anderen Ausgangspunkt.

Und vielleicht liegt genau darin Gehls bleibender Einfluss: Er hat Architekten und Stadtplaner dazu gebracht, nicht nur zu fragen, wie eine Stadt gebaut wird, sondern wie sie erlebt wird.


„Cities for People“ in Kopenhagen

Die Ausstellung „Cities for People“ eröffnet am 5. Oktober 2026 im Danish Architecture Center in Kopenhagen. Entwickelt wurde sie vom DAC in Zusammenarbeit mit der Praxis Gehl und Jan Gehl.

Besucher können anhand von Projekten aus verschiedenen Städten, Studien, Daten und räumlichen Beispielen untersuchen, wie öffentliche Räume Gesundheit, Wohlbefinden und Gemeinschaft beeinflussen. Die Ausstellung lädt zugleich dazu ein, die eigene Stadt neu zu betrachten und über die Qualitäten jener Orte nachzudenken, an denen sich urbanes Leben tatsächlich abspielt.

Denn am Ende ist die wichtigste Frage vielleicht eine ganz einfache:

Bleiben Menschen gerne länger, als sie eigentlich müssten?

Für Jan Gehl ist genau das ein Zeichen dafür, dass eine Stadt etwas richtig macht.

 

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