05.08.2022

Wohnen
Neri&Hu

House of Remembrance von Neri&Hu in Singapur

von Bettina Krogemann
House of Remembrance, Foto: Fabian Ong
House of Remembrance, Foto: Fabian Ong

In Singapur zeugen viele Bauwerke von dem Einfluss Chinas. Diesen Einfluss kann man auch an einem neuen Wohnhaus für Großfamilien sehen, einem sogenannten Siheyuan. Hier sind nicht nur die Prinzipien des Feng Shui wichtig, sondern auch die von Familie und Gemeinschaft.

In der asiatischen Millionenmetropole Singapur ist Chinas Einfluss überall zu finden. Chinatown, Tempelanlagen, Shophouses, Gärten und Landschaftsarchitekturen erzählen von dem einstigen Einfluss Chinas und seiner Clans. Die Brücke China Singapur existiert bis heute: Das design and research office Neri&Hu aus Shanghai hat nun in der tropischen Finanzmetropole einen Siheyuan gebaut, eine moderne Residenz nach dem Vorbild chinesischer Wohnhöfe. Nicht nur der Entwurf des House of Remembrance, seine Architektur, stammt von Neri&Hu. Auch das Interior und das Design lagen in der Hand des forschenden und innovativen Teams des design und research office aus Shanghai. Es gibt also neue Spuren chinesischer Baukultur im Insel- und Stadtstaat Singapur.

House of Remembrance, Foto: Fabian Ong
Fotos: Fabian Ong
House of Remembrance, Foto: Fabian Ong

Siheyuans

Diese Wohnhöfe gibt es in China seit dem 3. Jahrhundert und sie zählen zu den klassischen Gebäudetypologien im Reich der Mitte. Siheyuans sind geschlossene Wohnanlagen, oft auf rechteckigem Grundriss. Es sind Erdwohnungen mit kompakten, festen Außenmauern und einem repräsentativ gestalteten Satteldach. Für den Entwurf eines Siheyuans sind die Wahl des geeigneten Standorts, die sorgfältig bedachte Anordnung der Räume und die Verwendung natürlicher Elemente ausschlaggebend. Diese Leitideen sind den allgemeinen Prinzipien des Feng Shui abgeleitet mit dem Ziel, Harmonie zwischen Menschen und ihrer Umgebung zu schaffen. Siheyuans sind für Großfamilien gedacht. In ihnen leben mehrere Generationen unter einem Dach, der Begriff der Gemeinschaft ist grundlegend. Kennzeichnend für ihre bauliche Anordnung sind die chinesischen Architekturprinzipien von Achsensymmetrie und räumlich vermittelter gesellschaftlicher Hierarchie: Der Haupteingang, die Familienhalle, der Familientempel und die Räume für die Familienältesten liegen immer an der zentralen Achse. Die Höhe einzelner Räume steht für die gesellschaftliche Bedeutung ihrer Nutzer.

House of Remembrance, Plan: Neri&Hu
House of Remembrance, Plan: Neri&Hu
House of Remembrance, Plan: Neri&Hu
House of Remembrance, Modell: Neri&Hu
Pläne/Modelle: Neri&Hu
House of Remembrance, Modell: Neri&Hu

Mehrgenerationenhaus

Der private Bauherr des House of Remembrance hatte besondere Ansprüche und Anregungen für die Gestaltung. Das Wohnhaus sollte auf dem Grund des viktorianischen Bestandsbaus, das ehemalige Siheyuan der Familie, erbaut werden. Dieser Altbau musste für den Neubau weichen. Vorgesehen war der neue Siheyuan als Zuhause für drei Geschwister, die gemeinsam in dem Vorgängerbau groß geworden waren. Zum Andenken an die verstorbene Mutter der Geschwister wurde ein Gedenkraum geplant, der als Garten gestaltet wurde. Ein Satteldach, das charakteristische Merkmal des Vorgängerbaus, sollte als Erinnerung an die Kindheit der drei Geschwister auch den Neubau abschließen. Neri&Hu hatte also die Aufgabe, Vorstellungen von gemeinschaftlichem Leben und kollektiver Erinnerung eine räumliche Struktur zu geben.

House of Remembrance, Foto: Fabian Ong

Zentrum und Achsen im Siheyuan

In dem zweigeschossigen Neubau sind alle Gemeinschaftsräume um einen zentralen runden begrünten Hofbereich herum angeordnet. Dies ist der Gedenkgarten für die Mutter der drei Geschwister. Über diesen Hof sind außerdem alle Erdgeschossbereiche erschlossen. Der kreisrunde Weg, den man auf dem Hof um das Grün begeht, soll das Gedenken an die Matriarchin intensivieren. Er verleiht dem Gedenkraum ein sakrales Moment durch den Unendlichkeitscharakter des kreisrunden Weges. Der Garten ist das eigentliche Zentrum des Hauses und, erinnernd an die Mutter, auch der gemeinsame Hintergrund für das kollektive Zusammenleben aller Bewohner.

Das Erdgeschoss gibt sich visuell sehr transparent und ist bis auf den Eingangsbereich zu weiten Teilen aufgeglast. Der Blick aus den Räumen heraus ist auf den Gedenkgarten frei. Es sind raumhohe Glastüren, die sich zum Hof und zur Gartenseite hin öffnen lassen, so dass das Haus bei optimalen klimatischen Bedingungen auch die Vorteile der Querlüftung nutzen kann. Vom Gedenkgarten über den Gemeinschaftsraum ist auch der Garten mit Poolbereich erschlossen. Nach außen ist der Bau an den drei zur Straße abgeneigten Seiten durch die alte Bestandsvegetation abgeschirmt.

House of Remembrance, Foto: Fabian Ong
Fotos: Fabian Ong
House of Remembrance, Foto: Fabian Ong

Offenes und geschlossenes System

Im hohen, von Weitem gut sichtbaren Satteldach ist das Obergeschoss untergebracht. Trotz der Fensteröffnungen wirkt es fast monolithisch und verkehrt die Transparenz des Erdgeschosses ins Gegenteil und wird so zu einem Sichtschutz nach außen. Die Grenze zwischen öffentlichem und privatem Bereich ist gezogen. Im Obergeschoss sind alle intimeren Räume untergebracht, vor allem die privaten Schlafzimmer. Dort verbinden sich Oberlichter und große Glaswände mit Balkonen und bieten den Blick auf die umliegenden Gartenflächen oder Wohntürme von Singapur. Die Materialsprache ist so reduziert wie die Formgebung im Sinne einer „Heiligen Geometrie“. Es ist eine Architektur aus Stahl, Glas und Beton und ein Interior aus Holz, Stahl, Metall, Keramik, Glas und dezent farbig gefasstem Zementputz.

 

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