Holz – ein 
urbaner Werkstoff
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Holz in die Städte – einige Argumente sprechen dafür. Das Material ist CO2-neutral, hat gute Dämmeigenschaften und ist ein nachwachsender Rohstoff. Der Architekt und Bauingenieur Wolfgang Winter würde jeden Neubau aus Holz konzipieren. Genügend Material und die Technik, in die Höhe zu bauen, sind vorhanden.

Baumeister: Herr Winter, wir sind verwirrt: Einerseits hört man von einer Renaissance im Holzbau, andererseits ist der Holzbau in der Stadt zurückgegangen. Was stimmt denn nun?
Wolfgang Winter: Bei Einfamilienhäusern hat sich in Mitteleuropa ein stabiles Marktsegment herausgebildet. Im mehrgeschossigen Bau ist es komplizierter: In den 70er bis 80er Jahren, also nach dem Krieg, gab es einen Marktanteil von Null. In Österreich, Deutschland und der Schweiz wurden damals staatlich geförderte Aktionen geschaffen, um die Rücksiedler aus Russland unterzukriegen – gebaut wurde mit Holz. Diese Aktionen haben kurzfristig den Marktanteil auf fünf Prozent steigen lassen. Dass diese Zahl jetzt wieder schwächelt, liegt an der Finanzknappheit. Die Frage ist: Sind ökologische Maßnahmen, die mehr kosten als der betonierte Bau, überhaupt rechtfertigbar? Da kommt der Begriff des leistbaren Wohnens auf, denn teuer zu bauen ist sozial nicht nachhaltig. Dann wird eben wieder in Beton gebaut. Die soziale Nachhaltigkeit schließt aus dieser Perspektive die ökologische Nachhaltigkeit aus.

B: Muss Holzbau denn zwangsläufig teurer sein?
W W: Kurzfristig schon. Der Kubikmeter Beton kostet 50 Euro. Holz kostet dagegen 400 Euro pro Kubikmeter. Wenn man bei einem gleichwertigen Bauvorhaben also Beton durch Holz ersetzt, ist das teurer. Das ist natürlich ein Nachteil von Holz.

B: Woher kommt dieser große Preisunterschied?
W W: Der Kubikmeter Baum, wie er aus dem Wald kommt, kostet 100 Euro. Der Preis ergibt sich durch den Forster, der das Holz einschlägt, und den Waldbesitzer, der 100 Jahre lang wartet, bis der Baum gewachsen ist. Wenn der Baum eingesägt wird, ergeben sich 50 Prozent Verluste durch die Abfallprodukte. Damit kostet der Kubikmeter schon 200 Euro. Anschließend muss das Holz trocknen und verleimt, vergütet und qualitätssortiert werden. Das ist immer ein hoher Aufwand beim Naturprodukt.

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B:  Die Lösung?
W W: Man muss intelligent bauen. Für den Holzbau in der Stadt braucht man ein durchdachtes System und ein qualitätsgesichertes Produkt. Das geht nicht in dieser Heimwerkernische mit einer regionalen, „niedlichen“ Holzbaukultur. Bei industriellen Großvolumen mit 200 Wohneinheiten, die innerhalb von sechs Monaten fertig sein sollen, braucht man vorgefertigte Produkte. Preislich steht Holz im Konkurrenzkampf mit auf der Baustelle gegossenem Ortbeton. Momentan verliert es diesen Kampf noch.

B:  Holz hat also viel Konkurrenz. Bis 1800 war das anders – jedes Bauwerk wurde zumindest in Teilen aus Holz gebaut. Wann genau kam die Wende?
W W: Bis 1800 war das gesamte Bauwesen „Selbstbau“. Man baute mit den Materialien, die vor Ort waren. Zimmerer und Maurer bauten ohne Architekten. Ein großer Bruch kam durch die Industrialisierung. Das Handwerk verschwand. Eisenbahn, Stahl und Zement kamen.

B: Außerdem war im 19. Jahrhundert schlichtweg kein Holz mehr da…
W W: Da wurden dann die Gesetze für eine nachhaltige Forstwirtschaft eingeführt. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schreiben sie vor, dass wenn ein Baum gefällt wird, zwei neue gepflanzt werden müssen.

B:  Also hätten wir heute wieder genug Holz. Und das „papierlose Büro“ sorgt doch bestimmt für noch mehr Holzreichheit…
W W: Das mit dem Papier kann man nicht so einfach folgern. Tatsächlich sind aber die Erträge der Wälder enorm angestiegen. Das liegt an den richtig bewirtschafteten Wäldern. Bis zum 18. Jahrhundert lagen die Erträge bei fünf Kubikmetern pro Hektar. Mit der Forstwirtschaft kletterte die Zahl auf 10-15 Kubikmeter pro Hektar. Durch den Klimawechsel und den hohen CO2-Gehalt in der Luft werden die Wälder sogar noch produktiver.

B:  Also hätten wir genügend Holz, um theoretisch ganze Städte damit zu bauen?
W W: Ja. Es wächst mehr Holz nach, als wir benötigen. Wenn man wollte, könnte man jede Neubaumaßnahme in Holz bauen.

B:  Wie hoch könnten wir denn mit Holz bauen?
W W: Holz hat eine Druckfestigkeit von 30-40 Newton, Beton hat auch 30 Newton. Natürlich hat es eine geringere Zugfestigkeit als Stahl. Das kann aber mit einem höheren Querschnitt kompensiert werden. Dabei ist Holz noch relativ leicht. Bis zu zehn Geschosse sind reine Holzbauten technisch ohne weiteres möglich, auch unter Berücksichtigung von Brandschutzanforderungen. Der Brandschutz ist ja eigentlich eine Frage der Fluchtwege und des Zugangs und nicht des brennbaren Materials.

B:  Gerade wenn wir von urbanem Raum reden, ist da nicht die Gefahr groß, dass der Brand eines Gebäudes auf das andere übergreift?
W W: Jeder Brand wird ausgelöst durch mobile Brandlasten – die Möbel, die Vorhänge. Holzgebäude brennen nicht mehr ab als andere Gebäude. Holz entflammt sich weder schneller, noch ist das Entstehungsrisiko für einen Brand größer als bei anderen Baustoffen. Die wichtigste Brandschutzmaßnahme sind die Fluchtwege.

B: Der Holzbau scheint bei zehn Geschossen an seine Grenzen zu kommen. Warum dann noch höher bauen wollen? Sollte man nicht das Material nach seiner Nutzung denken?
W W: Die Zugkräfte sind das Problem. Dafür kann man aber Holzstahl einsetzen.

B: Holzstahl?
W W: Wenn wir von Holzstahlbau reden – Stahl, verkleidet mit Holz – dann ist es das gleiche Prinzip wie bei Stahlbeton: Man hat einen großen Querschnitt, der aus Druckelementen, in dem Fall aus Holz, besteht und aus eingelegten Flachstäben oder Winkeln, die den Zug aufnehmen. Bautechnisch gesehen könnte man alle Skelettbauten, die heute aus Stahlbeton sind, aus Holz machen.

B:  Was sind denn die größten Vorteile von Holz in der Stadt?
W W: Holz ist ein hervorragendes Ausgangsmaterial, aus dem man unterschiedliche Produkte herstellen kann. Es ist leicht zu verarbeiten. Durch den hohen Porenanteil hat es außerdem geringe Wärmedehnungen. Bei anderen Materialien muss man beim Einbau mehr Platz lassen, beziehungsweise der Kleber muss die Dehnungen ausgleichen. Außerdem verfügt Holz über gute Wärmedämmeigenschaften. Die Vorteile in der Stadt liegen bei Baulücken und Aufstockungen. Das Material ist leicht, um es mit dem Kran in die städtischen Strukturen hineinzuheben.

B: Ein großer Vorteil von Holz in der Stadt ist auch ein hoher Vorfertigungsgrad. Bringt das Einschränkungen im Entwurf mit sich?
W W: Ich glaube, man kann mit Holz sehr frei entwerfen. Holz wird heutzutage maschinell bearbeitet und zusammengeklebt. Roboter fräsen Löcher raus und fügen das Holz zusammen. So kann man Teile industriell und individuell herstellen.

B:  Keine Nachteile?
W W: Klar ist natürlich: Wenn ein Architekt vorher monolithisch baut, ermöglicht das andere Bauformen und es braucht andere Denkstrukturen, als wenn man aus Stäben ein additives System zusammensteckt. Der vorgefertigte Holzbau benötigt ein gewisses Bewusstsein vom Architekten. Wenn der Architekt dieses Wissen hat, gibt es aber durchaus entwerferische Freiheiten. Die Vorfertigung von Holz und Stahl ist im Bauprozess gleichwertig. Nur hat Holz noch einige zusätzliche Vorteile.

B:  Zum Beispiel die Nachhaltigkeit. Das Wort taucht allerdings mittlerweile überall auf. Hat es dadurch als Argument für den Holzbau an Stärke verloren?
W W: In den Begriff Nachhaltigkeit hat sich viel hineingeschmuggelt: architektonische Qualität, Schönheit und Ökologie. Mittlerweile reden wir nicht mehr von Nachhaltigkeit, wir reden von Ressourcen-Effizienz. Der Holzbau selber ist eindeutig ressourceneffizient. Und da wir in relativ kurzen Zyklen unsere Bausubstanz verändern, heißt Ressourcen-Effizienz auch, was das Material bezüglich einer späteren Nutzung ermöglicht. Der monolithisch gegossene Bau kann nicht abgebaut und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden. Bei Stahl und Holz ist die Wiederverwertung leichter möglich.

B:  Glauben Sie, dass wir in einer von Technik umgebenen Welt Sehnsucht nach einem natürlichen Baustoff haben?
W W: Ja, das kommt sicher dazu. Einerseits gibt es diesen nützlichen Holzbau, der aber nicht den Anspruch erhebt, sich kundzutun. Unsere städtischen Bauten haben viele Fachwerkstrukturen, die nachher verkleidet wurden. Heute ist das natürlich anders. Nachdem Beton der Baustoff des 20. Jahrhunderts war, muss man, wenn man dem eine Alternative anbietet, auch mit einem Feeling arbeiten: Wir leben jetzt in einem Material, das naturnäher ist. Das wird aber sicher nur eine Nische bleiben. Das Ökobewusstsein ist bei maximal 20 Prozent der Bevölkerung handlungsentscheidend. Den anderen ist es egal, ob sie in einem Betongebäude leben.

B:  Sie haben gesagt, Beton war das dominierende Baumaterial des 20. Jahrhunderts. Ist Holz der Baustoff des 21. Jahrhunderts?
W W: Holz hat alles, um das Baumaterial des 21. Jahrhunderts zu werden. Beton war speziell in Europa das Baumaterial des 20. Jahrhunderts. Das hat mit unserer spezifischen Geschichte, mit dem zweiten Weltkrieg, zu tun. Man könnte die These aufstellen, dass das wachsende Umweltbewusstsein in der Bevölkerung die Grundlage dafür ist, dass Holz das Material des 21. Jahrhunderts wird. Aber man muss natürlich sehen, wie stark das Holz im Spannungsfeld der Forst-, Papier und Pelletindustrie umkämpft ist. Die konkurrierenden Player um das Naturmaterial müssen sich einig werden, dass es das Vernünftigste ist, mit Holz zu bauen.

Mehr dazu im Baumeister 9/2013

Fotos: Roman Mensing, artdoc.de