Giuliani & Hönger über Johnson Wax Company

Johnson Wax Company
Lorenzo Giuliani & Christian Hönger
1939 n. Chr.

In ihrem Buch „Reminiscence“ porträtieren Benedict Esche und Benedikt Hartl die besondere Beziehung zwischen Bauwerk und Architekt. Dort kommen wegweisende Architekten zu Wort, die über ihre architektonische Prägung und deren Einfluss auf die eigene Arbeit schreiben. Hier erzählen Lorenzo Giuliani und Christian Hönger vom besonderen Innenraum eines Meisterwerks von Frank Lloyd Wright:

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Johnson Wax Company

 

„Entgegen immer wiederkehrender Tendenzen in der Architektur zu einem vornehmlich attraktiven Äusseren scheint uns eine Rückbesinnung auf das Innere bedeutsam. Das für die Architektur prägende Phänomen Raum war in der Architekturgeschichte seit ihren Anfängen vorhanden, der Raum als Begriff wurde aber erstaunlich spät, erst vor etwas mehr als hundert Jahren geprägt. August Schmarsow hat in seiner Antrittsvorlesung „Das Wesen der architektonischen Schöpfung” 1893 die Raumfrage folgendermassen definiert: „Raumgefühl und Raumphantasie drängen zur Raumgestaltung und suchen ihre Befriedigung in einer Kunst; wir nennen sie Architektur und können sie deutsch kurzweg als Raumgestalterin bezeichnen.” Louis I. Kahn hat mit einer Zeichnung von 1971 „Architecture comes from The Making of a Room” dieses Anliegen nochmals betont und in seinen Bauten auch konsequent verfolgt. In der Geschichte der Architektur ist die Entwicklung signifikanter Räume aber stets begleitet durch eine parallele, zentrale Auseinandersetzung, den innovativen Umgang mit der Schwerkraft. In der Verbindung von Trag- und Raumstruktur liegt ein erstaunliches Potential für kraftvolle Raumgestaltung. Die Struktur ist dabei nicht Selbstzweck, sondern stellt sich in den Dienst der Raumbildung und integralen Raumgestaltung. Gelingt diese Verbindung, entsteht eine grundsätzliche transhistorische Qualität.

Als Stellvertreter dieser Auffassung wählen wir exemplarisch die Bürohalle des Verwaltungsgebäudes der Johnson Wax Company in Racine von Frank Lloyd Wright aus dem Jahr 1939. Raum und Struktur des Gebäudes sind bekannt. Die übergeordneten Qualitäten liegen einerseits darin, dass Erinnerungen an traditionelle Typologien geweckt werden, diese aber gleichzeitig infrage gestellt und neu erfunden werden. So erinnert die regelmässige Struktur an die Säulenhalle einer Moschee oder ähnliche Raumtypen. Der Raum besteht jedoch nicht aus einem Stützenraster, sondern aus scheinbar nicht verbundenen, solitär stehenden Pilzstützen, welche durch die untere Verjüngung zu pendeln scheinen. Erstmals in der Architekturgeschichte dringt dazwischen das Licht gefiltert in den Raum ein, anstelle der statisch bedingten traditionellen Kuppel genau dort, „wo das Gebäude gewöhnlich durch Gesims am schwerfälligsten wird” (Bruno Zevi). Die Aussenwände bleiben geschlossen, damit der Raum damit beckenartig gefasst ist. Andererseits werden Assoziationen aus Erlebniswelten evoziert, welche uns nicht nur als Architekten, sondern als Menschen berühren. Man steht vermeintlich in einem kartesianischen Wald oder meint den Himmel vom Grund eines Aquariums zu sehen „wir schauen ins Licht, wie Fische vom Grund eines Teiches” (Henry Russell Hitchcock), die oberen runden Scheiben erinnern an die Blätter der Riesenseerosen, welche zwischen den Glasröhren zu schwimmen scheinen (Siegfried Giedion). Damit ist ein kraftvoller Raum geschaffen worden, welcher starke Emotionen weckt, einen magischen Eindruck hinterlässt und sich für immer in unser Gedächtnis einprägt.“

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