Gebautes Statement: VinziRast

Stadt heißt Diversität- Für Obdachlose in den Städten Europas gilt das nicht – sie leben am Rand der Gesellschaft. „VinziRast mittendrin“ holt sie ins Zentrum von Wien.

2009 besetzten Studenten das Audimax der Uni Wien, sie protestierten gegen die Studienbedingungen. Mit der Zeit kamen Obdachlose dazu. Das führte zu Konflikten – solange, bis die Studenten die Obdachlosen in ihre Protestaktion einbanden. Die halfen mit, tranken weniger, eine Gemeinschaft entstand. Irgendwann war der Protest vorbei. Die Studenten kehrten zurück ins bürgerliche Leben. Die Obdachlosen zurück auf die Straße. Einige Studenten machten sich Gedanken, wie es für die Obdachlosen weitergehen sollte – und initiierten das Projekt VinziRast mittendrin.

„Mittendrin“ wohnen heute 27 Studenten und Obdachlose – in Dreier-WG’s, verteilt auf drei Geschossen: Zwei Studenten mit einem ehemals Wohnungslosen oder umgekehrt. Ein Laubengang im Innenhof erschließt die Wohnungen und Gemeinschaftsflächen. In jedem Stockwerk gibt es eine große Wohnküche für alle Bewohner. Wer lieber seine Ruhe haben will, kocht in der WG-eigenen Teeküche.

Aber warum diese Mischung? Weil es um Diversität geht; und das ist, was eine Stadt ausmacht, erklärt Alexander Hagner vom Architekturbüro gaupenraub +/-.

Einen Verknüpfungspunkt zwischen dem „normalen Leben“ und dem der Obdachlosen bietet das Lokal im Erdgeschoss. Jeder soll hier reinkommen; so wie jeder in der Stadt leben können soll. Das Team von gaupenraub wollte für das Lokal einen identitätsstiftenden Raum schaffen – mit vielen Arbeitskräften und wenig Geld.

Altes wurde neu verwertet: Obdachlose suchen in Containern Essen; also riskierten die Architekten einen Blick – am Naschmarkt in Wien entdeckte Alexander Hagner dann Obstkisten in Containern. So begann eine Sammelaktion. Die Kisten, die (laut Lebensmittelverordnungsgesetz) nach einmaliger Nutzung weggeschmissen werden müssen, wurden in der hauseigenen Werkstatt zerlegt und auf Spanplatten montiert. Etwa 10.000 Obstkisten-Elemente zieren Wand und Decke im Lokal: glatte, raue, bedruckte, leere. Ein Wegwerfobjekt, das Sinnbild ist für das Projekt.

Passend dazu sitzt man auf Polstern, die mit Lebensmittelsäcken überzogen sind. Dass das ganze Raumkonzept nicht zusammengeschustert wirkt, liegt an den Details. „Trashy“ Materialien wurden „trendy“ kombiniert: alte Tischbeine mit neuen Tischplatten; die Bar aus Holzsparren vom abgetragenen Dach mit hochwertigen Barhockern. Seine Jacke kann man an der Bar übrigens an alten Türklinken aufhängen. Bei den wiederverwendeten Gegenständen ging es aber nicht um Nachhaltigkeit. Sondern, darum das zu nehmen, was schon vorhanden ist. Alexander Hagner bezeichnet das als das „Naheliegende“.

gaupenraub +/- erhielten für das Projekt den Urban Living Award 2013

Mehr dazu im Baumeister 1/2014

Fotos: Kurt Kuball, Sebastian Schubert