Alexander Girards fabelhafte Welt

Erste Retrospektive im Vitra Design Museum in Weil am Rhein

Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein hat den amerikanischen Designer Alexander Girard wiederentdeckt und widmet ihm aktuell die erste große Retrospektive. Baumeister hat die Schau besucht

Er war ein Allrounder und designte alles – von Stühlen und Geschirr über Stoffmuster, Typografien und Logos bis zu Kofferradios, Karten und Würfelzuckerverpackungen: Alexander Girard (1907–1993). Daneben schuf der amerikanische Architekt, Künstler und Ausstellungsmacher beeindruckende Interieurs. In Europa ist das Multitalent, das Einflüsse der Pop Art und der Folk Art zu einer farbenfrohen Formensprache verband, jedoch wenig bekannt, obwohl Girard in den 1950er- und 1960er-Jahren eng mit Charles und Ray Eames zusammenarbeitete. Das Vitra Design Museum im südbadischen Weil am Rhein zeigt jetzt erstmals das Lebenswerk des Designers.

Das Vitra Museum erhielt den Nachlass von Alexander Girard

Die Schau präsentiert Textilien, Möbel, Modelle, Interieurs, kleine Objekte, private Dokumente und Zeichnungen. Dafür griff das Haus auf Girards Nachlass zurück, der dem Museum 1996 übergeben wurde. Dieser umfasst Textilmuster, Möbel, Accessoires und Volkskunstobjekte sowie rund 5000 Entwurfszeichnungen und 7000 Fotografien.

Geboren wurde Girard in New York, doch zwei Jahre nach seiner Geburt zog die Familie nach Florenz in die Heimat des Vaters. Hier wuchs Girard in einem künstlerischen Umfeld auf: Seine Familie handelte mit Antiquitäten und stellte Stilmöbel her. Mit zehn Jahren besuchte Girard ein Internat in London und studierte anschließend Architektur. In den 1930er-Jahren ging er in die in die USA zurück, arbeitete dort zuerst in New York und später in Detroit als Innenarchitekt. Für den Radiohersteller Detrola entwarf er in den 1940er-Jahren nicht nur die Kantine, sondern auch Sperrholzgehäuse für Radios – und kam so mit Charles Eames in Kontakt. Einige Jahre später wurde Girard Leiter der Textilabteilung beim Möbelhersteller Herman Miller. Für das bekannte Unternehmen gestaltete der Designer mehr als 300 Vorhang- und Polsterstoffe. In all diesen spiegelt sich sein Faible für fröhliche Farben und Muster wider. Seine Muster basieren häufig auf Typographien oder einfachen Geometrien, die er mit spielerischer Leichtigkeit immer wieder neu variierte. Beim Entwerfen nutzte Girard verschiedenste Arbeitstechniken: Collagen, Scherenschnitte und Stempel. Daneben entstanden Girards wichtigste Inneneinrichtungen: Für das Ehepaar Miller richtete er das sogenannte Miller House ein. Auf der nachgebauten riesigen Sitzlandschaft des Hauses kann man es sich aktuell in der Ausstellung bequem machen.

Ornamente, Farbe und Folklore

Zu den bekanntesten Werken des  Designers zählt die Ausstattung zweier Restaurants in New York: „L’Etoile“ inszenierte Girard vornehmlich in Schwarzweiß ­–­ und die Sessel in den Farben der französischen Trikolore, das legendäre Szene-Lokal „La Fonda del Sol“ dagegen im mexikanischen Stil mit großformatigen Sonnen als Wandschmuck aus Glas oder Messing. Die Stühle dazu entwickelten Charles und Ray Eames in Zusammenarbeit mit Girard. Auch das Erscheinungsbild der US-Airline Braniff trug die Handschrift von Girard von den bunten Uniformen bis zum Zuckertütchen – die stylische Werbung dazu ist großflächig in Weil am Rhein zu sehen. Die wichtigste Inspirationsquelle für Girard war seine riesige Sammlung von Objekten der Volkskunst, die er auf seinen Reisen durch Mexiko, Indien, Ägypten und anderen Länder zusammengetragen hatte. Ein von Girard selbst angelegtes Textilmusterbuch liegt noch bis zum 22. Januar aufgeblättert in einer Vitrine des Vitra Museum. Hingehen, anschauen!

„Alexander Girard. A Designer’s Universe“, bis 29. Januar 2017.
Vitra Design Museum, Charles-Eames-Str. 2, 79576 Weil am Rhein