26.02.2016

Event

Design und Architektur in Zeiten der Disruption

von Alexander Gutzmer

 

Im Rahmen der Munich Creative Business Week hatte die IF Universal Design-Initiative zum Nachdenken über die Zukunft des Konzeptes Universal Design geladen. Ich bin mit diesem kurzen Paper an den Start gegangen.

 

Der Begriff der Disruption ist momentan in vieler Munde. Digitalmarketer deklarieren damit die eigenen Produkte als die einzig Sinnvollen und Überlebensfähigen. Unternehmen aller Branchen legitimieren mit dem Terminus den Radikalumbau der eigenen Geschäftsgrundlagen wie den Abbau von Arbeitsplätzen. Kultfirmen wie Facebook oder Apple verkaufen so die eigenen Machstrategien als Ausfluss einer unvermeidlichen Evolution humaner Interaktion.

Zu gleicher Zeit findet auf gesellschaftlicher Ebene eine ganz andere und sehr reale Disruption statt. Angenommene Sicherheiten werden per Europa-Krise über Bord geworfen oder durch die Flüchtlingswelle hinweggespült. Zugleich scheinen sich bestimmte Errungenschaften politischer Streitkultur von selbst zu erledigen. „Disruption“ scheint im Politischen viel mit „Ausrupfen“ zu tun zu haben. Kein innovationtreibender Prozess kreativer Zerstörung, sondern die Rückkehr in eine Teilbarbarei oder zumindest in grauere Zeiten.

Dennoch bin ich überzeugt: Disruption gibt es. Und wir müssen eine Antwort darauf finden. Oder besser: Viele Antworten. Ich möchte diese mit vier Kernbegriffen belegen. Und zwar mit Begriffen, die nicht die üblichen Positivtermini á la „Inklusion, Nachhaltigkeit, Harmonie“ darstellen. Letztere sind nicht falsch. Doch mir geht es um möglicherweise kontroversere Begriffe, die aber unsere Gesellschaft dennoch kennzeichnen – und die als Impuls durchaus neue Erkenntnisse freilegen können.

1. Chaos

Angela Merkels „Wir schaffen das“ war deshalb vielleicht problematisch, weil es seltsam kontextlos daher kam. Optimismus und Selbstvertrauen sind gut. Doch sie müssen sich aus konkreten Quellen speisen. Diese Quellen gibt es. Bei Merkel aber blieben sie unerwähnt. Damit konnten sie der heutigen unsicheren Sozialtopografie nichts entgegen setzen. Nicht erst mit der Flüchtlingskrise befinden sich die Gesellschaften der westlichen Welt in einem Zustand zurückgehender Sicherheiten.

Die Ereignisse am Kölner Hauptbahnhof um Sylvester haben gezeigt: Auch räumlich ist auf die Sicherheit gegebener Design-, Architektur- und damit verbunden Vorstellungsmuster kein Verlass mehr. Der Dom war ja immer noch da. Nur spielten sich in seinem Schatten hanebüchene Vorgänge ab. Für Architektur und Design bedeutet dies: Ihre Rolle als Symbolisator einer sicheren Welt wird unterminiert. Sie repräsentieren keine Sicherheit mehr. Das mag negativ erscheinen, beinhaltet aber auch Chancen. Auch für die Gestaltung. Die muss aber offensiv auf die Herausforderung reagieren. Wir brauchen Formen, die einer unsicher gewordenen Welt entsprechen.

2. Angst

Die Welt da draußen ist feindlich. Die Welt da draußen ist fürchterlich komplex. Dies führt zu Abwehrreaktionen. In der Politik sehen wir dies momentan durch den Diskurs über neue Grenzen oder Grenzschließungen. Selbst Intellektuelle wie Peter Sloterdijk, eigentlich ein Vordenker der Globalisierung, verfallen in reaktive Denkmuster. Und gebaut werden neue Zäune und Mauern. Dabei fällt auf, wie unsagbar hässlich die Grenzen durch unsere Welten jeweils sind. Der Bautypus „Grenzwall“ ist das am wenigsten gestaltete Objekt der Welt. Zurecht. Er verkörpert die pure Negation. Diese Gestaltungsverweigerung spiegelt das schlechte Gewissen der Grenzzieher. Unbewusst wissen sie: Wer eine Grenze zieht, handelt defensiv, unkreativ. Diese Form der Unkreativität ist in der Politik manchmal nötig. Aber sie ist immer die Schlechteste aller Lösungen.

Ähnlich ergeht es übrigens auch Unternehmen. Auch sie tendieren zunächst einmal zur Abschottung. Die Designzentren der großen Autofirmen gleichen Festungen. Die Zukunft aber sieht anders aus. Und es geht auch ein Umdenken durch die Firmenzentralen. In meinem Buch „Urban Innovation Networks“ habe ich dies, bezogen auf den Kreativraum Stadt, beschrieben. Dort schildere ich, wie Unternehmen zaghaft, aber doch sichtbar beginnen, die urbane Vielfalt in ihre Werkstore hinein zu lotsen. Das Trojanische Pferd der Ideenmaschine Stadt. Siemens, BMW, Audi, Ikea – sie alle verfolgen urbane Strategien. Dies sind Strategien des Mutes, Strategien der Offenheit. Strategien gegen die Angst.

3. Konflikt

In welcher Stadt wollen wir leben? Ich denke momentan viel über die Ehrlichkeit nach, mit der urbane Zentren mit ihrer eigenen Konfliktträchtigkeit umgehen. Speziell hier in München. Da wird allzu oft eine Form des Urbanen beschworen, die die naturgegebenen Konflikte im städtischen Raum schlicht ausblendet. Das Resultat sind historisierende Architekturformen wie das zu erwartende neue Mandarin Oriental von Hild und K. Anders herum gerät die Stadt schon bei einem kleinen Hochhäuschen von Auer & Weber am Hauptbahnhof in Wallung. Nur zur Erinnerung: In dieser Stadt sitzen sechs Dax-30-Konzerne. Über ihre Tochter Allianz Global Investors hält allein die Allianz ein verwaltetes Vermögen von 1.500 Milliarden Euro. 1,5 Billionen. Dies ist keine Meister-Eder-Stadt. Und das darf man der Stadt ruhig auch ansehen. Denn eines sollten wir nicht vergessen: Meister Eder hätte seinen Laden längst dicht gemacht. Er würde übrigens auch nicht mehr in München wohnen – es sei denn er hätte geerbt.

4. Raub

Das Design ist heute von einer Raubkultur geprägt. Und das ist auch gut so. Was ich meine: Design demokratisiert sich. Der Autor Mark Richardson singt in der Zeitschrift „New Media and Society“ das hohe Lied der Hacker-Kultur. Seine These: Nicht nur Musikstücke, auch dreidimensionale Designstücke werden zunehmend zum Objekt der kreativen Veränderung und des, möglicherweise auch verändernden, Kopierens. Das ist – für ihn – eine Befreiung von überkommenen Hierarchien.

Uns als Propagandisten des Autorenprinzips in der Gestaltung von Produkten und Gebäuden mag das missfallen. Aber vielleicht ist es an der Zeit, dem Mensch Raum einzuräumen für die eigene Kreativität. Und zwar nicht im Sinne einer Aufgabe des eigenen Autorenstatus. Das ist auch das Missverständnis, dem Architekten wie Patrik Schumacher (Zaha Hadid) ihren integrativer denkenden Kollegen wie Alejandro Aravena gegenüber anheim fallen. Es geht nicht darum, den eigenen Gestaltungsanspruch aufzugeben. Es geht darum zu verstehen, dass sich aus diesem Anspruch noch keine Gestaltungshoheit ergibt. Es geht weiter darum, selbstbewusst zu entwerfen – aber auch darum, zu wissen, dass jeder realisierte Entwurf nur der Startpunkt für eine Reihe von Aneignungen, kreativen Interpretationen – und eben auch Transformationen ist.

Alles in allem heißt dies: Die gestaltete Zukunft und die Zukunft der Gestaltung sind nicht harmonisch oder konfliktfrei. Aber sie sind immens potentialreich.

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