Schulhaus Thal – die Liebe zur Geometrie

Eine ländliche Gemeinde fällt eine mutige Entscheidung: Ihr neues Schulhaus soll als konzeptionell radikale Architektur umgesetzt werden. Bei der Lösung der Bauaufgabe bringt die junge Architektin Angela Deuber ihre Entwurfsidee in eine Synthese mit dem Charme des Unfertigen.

Die politische Gemeinde Thal setzt sich aus fünf Dörfern zusammen, die räumlich weder richtig verbunden noch getrennt sind. Die Gegend am untersten Teil des St. Galler Rheintals ist kleinteilig strukturiert, die Zersiedlung fortgeschritten und mit ihr die Verwechselbarkeit der Dorflandschaften. Seit einem Jahr nun hat Thal, genauer gesagt das Dorf Buechen, ein Gebäude mehr, jedoch mit einem großen Unterschied zur 
übrigen Bauproduktion der letzten Zeit: Es hat Präsenz.

Als Solitär dem Vorgängerbau von 1879 ähnlich, setzt sich das neue Schulhaus mit seinem quadratischen Grundriss ohne explizite Kontextualität mitten in eine polyphone dörfliche Umgebung. Die Verbindung zur Nachbarschaft stellt der zurückhaltend gestaltete, fließende Außenraum her. Offen zu den angrenzenden Gärten der Wohnhäuser ist er als Schulwiese lesbar, die mit Obstbäumen bepflanzt ist und die Dorfbewohner zur freien Durchquerung sowie Nutzung der Anlage einlädt. Die Wege zum sockellosen Bau sind in scheinbarer Beiläufigkeit pragmatisch als Teerflächen angelegt. Als Teil der Außenraumgestaltung greifen sie so der ebenfalls unprätentiösen Robustheit des sichtgeschalten Betonbauwerks vor.

Monolithisch gedacht und in seinem Bild auch monolithisch gebaut sind die innen wie außen durchgehend erzeugten Betonoberflächen Ausdruck dieser Grundhaltung. Die Konzentration auf den Beton fordert die Lösung architektonisch-baulicher Themen über das Material. In der Fassade wird er in einem synthetischen Ansatz verwendet: Zum einen ist die tragende Gebäudehülle Wand, zum anderen ist sie in zwei Stützen je Gebäudeseite aufgelöst.

Angela Deuber sucht nach der Schönheit in der Regel, nach der Idee. Man glaubt es ihr in Anbetracht der kontrollierten, präzisen Ausformulierung des Gebäudes mit der Wirkung eines Beton-Origamis, das scharfkantig in geometrische Grund- und Mischformen gefaltet und zerlegt erscheint. Noch viel mehr würde man ihr glauben, dass sie über die rigide innere Logik des Entwurfs hinaus nach einer Mehrdeutigkeit ihrer architektonischen Aussage sucht. Ein Mittel dafür umschreibt sie mit „etwas unperfekt machen“ – und spielt damit auf die provozierte Störung der ausgeschwenkten Stütze in der Mittelachse vor den Eingängen an.

„Lernen als Prozess“– mehr über das Schulhaus Thal im Baumeister 12/2014