Das Bauhaus – ist der Mythos berechtigt?

Sachlich, funktional, modern – wie kaum eine andere Ausbildungsstätte hat das Bauhaus die Idee des Designs im 20. Jahrhundert geprägt. Das Bauhaus – es steht als Synonym für industrielle, ornamentlose Gestaltung und für moderne Architektur. Nicht zuletzt adaptierte das Konzept des „Vorkurses“ diese Lehre weltweit. Bis heute erfährt sie in zahlreichen Design- und Kunsthochschulen ein historisches Nachleben. Dort diente sie als Vorbild, als in sich geschlossene Idee von fortschrittlich-demokratischer Gestaltung. Während diese homogene Lesart weit mehr als 50 Jahre nach Gründung der Schule den „Mythos Bauhaus“ in der Bundesrepublik beförderte, rückte mit der US-amerikanischen Postmoderne die kritische Re-Lektüre der einflussreichen Gestaltungshochschule zunehmend in den Vordergrund.

Der Bedeutung des Bauhauses gerecht werden

So nimmt nun auch der schmale Band „Das Bauhaus – Werkstatt der Moderne“ des Architekturhistorikers Winfried Nerdinger die brüchigen, nichtlinearen Dimensionen des Bauhauses im Kontext der gesellschaftspolitischen Umwälzungen seiner Zeit in den Blick. Nerdinger war von 1986 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2012 Professor für Architekturgeschichte an der TU München. Er trug entscheidend zur Erforschung der Architektur der Moderne bei. Anlässlich des hundertjährigen Jubiläums des Bauhauses spürt der Autor den Ambivalenzen nach: Zwischen Mythisierung der historischen Institution in den 1950er-Jahren und der postmodernen Kritik an der Unwirtlichkeit des rigorosen Funktionalismus, kann, so Nerdinger, „nur eine sachliche, faktenbasierte historische Analyse“ der Bedeutung des Bauhauses gerecht werden. Diese Analyse muss neben den künstlerischen und pädagogischen, auch die politischen, ökonomischen und sozialen Konzepte und Interessen umfassen.

In sieben Kapiteln durch die Geschichte

Sieben Kapitel führen den Leser chronologisch von der Jahrhundertwende und den Wegbereitern des Bauhaus bis zur Nachkriegsrezeption. Dazu zählen neben dem einflussreichen Denker und Architekt Gottfried Semper die Mitbegründer der Arts and Crafts Bewegung William Morris und John Ruskin.

Mit dem Band ist eine kompakte Einführung entstanden. Sie liest sich nicht nur wie eine Art Schnellkurs für „Bauhaus-Neulinge“, sondern zeigt auch dem kenntnisreichen Leser die Paradoxien der Gestaltungshochschule pointiert auf. Nerdinger vermag es, das komplexe und nicht immer widerspruchsfreie Gefüge des Bauhauses anhand zahlreicher Verweise darzulegen. Souverän führt der Autor durch eine ‚Werkstatt der Moderne‘,  die sich als sperriger, verwinkelter und facettenreicher erweist, als das verbreitete Bild von ihr glauben machen will.

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„Das Bauhaus. Werkstatt der Moderne“ Von Winfried Nerdinger

C.H.Beck Wissen, München 2018
128 Seiten mit 34 Abbildungen, 9,95 Euro, E-Book 7,99 Euro