17.06.2026

Architektur Wohnen

Counter-Slope House

Photo: Maxime Brouillet via v2com
Photo: Maxime Brouillet via v2com

Am Ufer des Lake Memphremagog in der kanadischen Region Potton entstand mit dem Counter-Slope House ein Wohnhaus, das weniger als architektonisches Objekt denn als räumliche Erfahrung verstanden werden will. Das Projekt des Montrealer Büros yh2 setzt auf Zurückhaltung statt Inszenierung und entwickelt aus den besonderen topografischen Bedingungen des Ortes eine Architektur, die Landschaft nicht dominiert, sondern erlebbar macht.

Für diesen Ansatz wurde das Wohnhaus 2026 mit dem Award of Excellence in Architecture des Ordre des architectes du Québec ausgezeichnet.


Architektur als Fortsetzung der Topografie

Der Bauplatz am Lake Memphremagog ist geprägt von einer steilen Hangkante, die zu einem schmalen Uferstreifen abfällt. Dichte Baumbestände werfen große Schatten auf das Grundstück und erzeugen eine fast archaische Atmosphäre. Statt gegen diese Bedingungen anzubauen, entwickelte yh2 eine Architektur, die sich aus ihnen heraus formt.

Das Counter-Slope House besteht aus zwei eigenständigen, miteinander verbundenen Baukörpern. Ihre charakteristischen Dächer folgen einem Prinzip von Hang- und Gegengefälle („Slope and Counter-Slope“), wodurch die Gebäudevolumen optisch gegliedert und gleichzeitig in einen subtilen Dialog mit der Topografie gesetzt werden.

Die Architektur verfolgt dabei eine Strategie des Rückzugs. Das Haus tritt nicht als dominantes Objekt in Erscheinung, sondern sucht die Nähe zum Gelände. Die Baukörper scheinen förmlich aus dem Hang hervorzuwachsen und fügen sich selbstverständlich in die Landschaft ein.

Maxime Brouillet via v2com
Photo: Maxime Brouillet via v2com
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Ein Dach als Aussichtspunkt

Besondere Bedeutung kommt dem Dach des Hauptbaukörpers zu. Es fungiert nicht nur als konstruktives Element, sondern wird zu einer begehbaren Plattform mit Aussichtsfunktion.

In einer Umgebung, die von steilen Geländeformen geprägt ist, entsteht hier eine seltene horizontale Ebene. Sie dient als Ankunftsraum, Aussichtspunkt und Übergang zwischen Landschaft und Architektur zugleich. Der Weg ins Haus beginnt damit nicht an einer Tür, sondern mit einem bewussten Moment der Betrachtung.

Diese räumliche Inszenierung verleiht dem Wohnen eine beinahe rituelle Qualität. Der Blick über den See wird zum integralen Bestandteil des architektonischen Erlebnisses.


Umgekehrte Erschließung als Antwort auf den Hang

Die Topografie bestimmt auch die innere Organisation des Hauses. Anders als bei konventionellen Wohngebäuden erfolgt der Zugang von oben.

Besucher betreten das Gebäude auf Höhe des Aussichtsdachs und bewegen sich anschließend hinab in die eigentlichen Wohnbereiche. Die Gemeinschaftsräume liegen näher am Gelände und suchen direkten Kontakt zur Natur.

Diese umgekehrte Erschließung erzeugt eine besondere Dramaturgie. Der Blick öffnet sich zunächst weit über den See, bevor die Räume zunehmend in die Intimität des Hanges eintauchen.

Die beiden langgestreckten Obergeschosse orientieren sich dabei bewusst in unterschiedliche Richtungen. Während ein Baukörper den Fokus auf den Lake Memphremagog legt, richtet sich der andere zur Berglandschaft aus. Die Schlafzimmer liegen eingebettet zwischen den Baumkronen und rahmen die umliegende Vegetation wie lebendige Landschaftsbilder.

Photo: Maxime Brouillet via v2com
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Grenzen zwischen Innen und Außen verschwimmen

Die Wohnräume folgen der natürlichen Terrasse des Grundstücks und greifen nur minimal in das bestehende Gelände ein. Großformatige Verglasungen öffnen das Haus zum Wasser und lassen Innen- und Außenraum ineinanderfließen.

Balkone verlängern die Wohnflächen nach außen und verstärken den Eindruck räumlicher Kontinuität. Die Architektur arbeitet dabei weniger mit klar definierten Schwellen als mit fließenden Übergängen. Landschaft wird nicht betrachtet, sondern Teil des alltäglichen Wohnens.

Vier Jahreszeiten, Lichtwechsel und Wetterphänomene werden so unmittelbar erfahrbar und prägen die Wahrnehmung des Hauses nachhaltig.


Materialität im Dialog mit der Natur

Auch die Materialwahl folgt dem Anspruch einer engen Verbindung zum Ort. Die Basis des Hauses besteht aus Ortbeton und verankert das Gebäude unmittelbar im felsigen Untergrund.

Darüber erhebt sich eine Fassade aus naturbelassenem Zedernholz. Mit der Zeit verändert sich ihre Oberfläche durch Witterungseinflüsse und nähert sich farblich den mineralischen und vegetativen Strukturen der Umgebung an.

Im Inneren schafft Weißeiche einen warmen Kontrast zur rauen Außenwelt. Sichtbare Holzkonstruktionen begleiten die Bewegung durch das Gebäude und machen die Tragstruktur zu einem wesentlichen Bestandteil der räumlichen Erfahrung.

Schwarze Fensterrahmen und Details übernehmen eine besondere gestalterische Funktion. Sie wirken wie Bilderrahmen, die gezielt Ausblicke inszenieren und die Landschaft in Szene setzen. Die Natur erscheint dadurch nicht als Hintergrund, sondern als aktiver Bestandteil der Architektur.


Eine Architektur des Weglassens

Das Counter-Slope House steht exemplarisch für eine Architektur, die nicht auf formale Effekte setzt, sondern auf präzise Ortsbeobachtung. Das Projekt versteht Landschaft nicht als Kulisse, sondern als Ausgangspunkt jeder gestalterischen Entscheidung.

Die Stärke des Entwurfs liegt in seiner kontrollierten Spannung zwischen Sichtbarkeit und Rückzug, zwischen architektonischer Präsenz und landschaftlicher Integration. Statt den Ort zu verändern, macht das Haus dessen Qualitäten erfahrbar.

yh2 formuliert damit eine zeitgenössische Antwort auf die Frage, wie Architektur sensible Naturräume besiedeln kann: nicht durch Dominanz, sondern durch Aufmerksamkeit. Das Counter-Slope House wird so zu einer gebauten Reflexion über Topografie, Wahrnehmung und die Kunst des Wohnens in der Landschaft.

Projektdaten

Projekt: Counter-Slope House (À contre-pente)
Standort: Potton, Québec, Kanada
Fertigstellung: 2024
Fläche: 4.530 sq ft (ca. 421 m²)
Architektur: yh2, Montréal
Projektteam: Marie-Claude Hamelin, Loukas Yiacouvakis, Karl Choquette, Lisa Busmey
Bauunternehmen: Construction Alain Pouliot Inc.
Tragwerksplanung: Génie X
Fotografie: Maxime Brouillet
Auszeichnung: Award of Excellence in Architecture, Ordre des architectes du Québec 2026

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