24.06.2026

Architektur Öffentlich

Bildungsbau in Barbian

Foto: Oskar da Riz via v2com
Foto: Oskar da Riz via v2com

Am südlichen Ortseingang von Barbian in Südtirol entstand ein Projekt, das weit über die klassische Aufgabe eines Bildungsbaus hinausgeht. Mit dem neuen Multifunktionsgebäude von Roland Baldi Architects wurde ein architektonisches Ensemble geschaffen, das Bildung, Mobilität, Tourismus und öffentliche Infrastruktur in einer klaren baulichen Struktur vereint.

Das im Rahmen des europäischen Aufbauprogramms NextGenerationEU geförderte Projekt zeigt beispielhaft, wie zeitgemäße Architektur neue Perspektiven für ländliche Gemeinden schaffen kann. Kindergarten, Kinderkrippe, Mensa, Tourismusbüro und barrierefreie Erschließung bilden gemeinsam einen neuen öffentlichen Knotenpunkt am Eingang der Gemeinde Barbian.


Bildungsbau als Motor der Dorfentwicklung

Der Entwurf reagiert präzise auf die topografischen Herausforderungen des steilen Hanggrundstücks. Statt gegen die Landschaft zu arbeiten, nutzt das Projekt die Geländesituation als gestalterisches Prinzip.

Das Ensemble besteht aus zwei eigenständigen Baukörpern auf gegenüberliegenden Straßenseiten. Während am Hang Kindergarten, Kinderkrippe, Mensa und geschützte Spielflächen untergebracht sind, befindet sich gegenüber das Tourismusbüro mit öffentlichen Sanitäranlagen. Beide Gebäude werden durch eine markante grüne Brücke verbunden, die gleichzeitig als funktionales Bindeglied und identitätsstiftendes Gestaltungselement fungiert.

Die gesamte Anlage ruht auf einer bereits bestehenden zweigeschossigen Tiefgarage. Dadurch konnte die verfügbare Fläche effizient genutzt werden, ohne zusätzliche Eingriffe in die sensible Dorfstruktur vorzunehmen.

Oskar Da Riz via v2com
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Neue Lernwelten statt klassischer Klassenräume

Im Zentrum des Projekts steht ein pädagogisches Konzept, das Offenheit, Bewegung und selbstständiges Lernen fördert. Die Architektur unterstützt diesen Ansatz durch eine Abkehr von traditionellen Raumstrukturen.

Anstelle klassischer Gruppenräume entstand eine offene Lernlandschaft mit unterschiedlichen Funktionsbereichen. Kreativzonen, Forschungsbereiche, Rückzugsräume und Rollenspielbereiche ermöglichen flexible Nutzungen und fördern individuelle Lernprozesse.

Auch die Erschließungsflächen wurden bewusst als Aufenthaltsorte konzipiert. Aufweitungen entlang der Wege schaffen kleine Kommunikationsinseln, Spielbereiche und Ruhezonen. Dadurch entstehen vielfältige Raumqualitäten, die den pädagogischen Alltag bereichern.

Die funktionale Gliederung folgt der Topografie des Grundstücks. Im ersten Untergeschoss befinden sich zwei Gruppenräume sowie die Kinderküche mit Mensa, die zugleich die benachbarte Grundschule versorgt. Das Erdgeschoss beherbergt weitere Betreuungsräume sowie die eigenständig organisierte Kindertagesstätte. Im obersten Geschoss ergänzt ein multifunktionaler Bewegungsraum das Angebot und bietet direkten Zugang zum geschützten Dachspielplatz.

Oskar Da Riz via v2com
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Architektur und Mobilität intelligent verknüpft

Das Projekt versteht sich nicht ausschließlich als Bildungsbau, sondern als integraler Bestandteil der öffentlichen Infrastruktur.

Direkt gegenüber dem Kindergarten entstand ein neues Tourismusbüro mit barrierefreien Sanitäranlagen für Besucher. Ergänzt wird dieses durch eine neugestaltete Bushaltestelle, die den öffentlichen Verkehr stärkt und die Verkehrssicherheit verbessert.

Besondere Bedeutung kommt dem neuen Treppen- und Aufzugsturm zu. Er verbindet die Tiefgarage direkt mit dem Ortszentrum und gewährleistet eine vollständig barrierefreie Erschließung. Die darüber verlaufende Brücke führt weiter zum Kindergarten und schafft eine sichere Verbindung zwischen den beiden Gebäudeteilen.

Damit entsteht eine Infrastruktur, die sowohl den Bedürfnissen der Bewohner als auch jenen von Gästen gerecht wird.


Topografie als Entwurfsgrundlage

Die besondere Stärke des Projekts liegt in seiner engen Verbindung mit der Landschaft. Die Hanglage wird nicht als Hindernis verstanden, sondern dient als zentraler Entwurfsgenerator.

Die horizontale Schichtung der Nutzungen folgt konsequent dem natürlichen Gelände. Technische Bereiche bilden die Basis des Gebäudes, darüber liegen die Bildungsflächen, während die Dachlandschaft als geschützter Spielraum genutzt wird.

Ein massiver Sockel aus Sichtbeton verankert das Gebäude dauerhaft im Hang. Darüber entwickelt sich eine leichte Holzkonstruktion, die den Baukörper prägt und dessen Nachhaltigkeitsanspruch unterstreicht.

Die vertikal gegliederte, grün lasierte Holzfassade verleiht dem Ensemble einen eigenständigen Charakter und macht das Gebäude bereits von weitem als neuen Orientierungspunkt am Ortseingang erkennbar.


Nachhaltigkeit als integraler Planungsansatz

Auch hinsichtlich ökologischer Standards setzt das Projekt Maßstäbe. Das Gebäude wurde nach dem KlimaHaus-Gold-Standard realisiert und erfüllt hohe Anforderungen an Energieeffizienz und Ressourcenschonung.

Photovoltaikanlagen unterstützen die Energieversorgung, während eine Wärmepumpe gemeinsam mit einer kontrollierten Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung für einen effizienten Gebäudebetrieb sorgt.

Im Innenraum dominieren natürliche Materialien und eine helle Gestaltung. Geölte Holzböden, Massivholzmöbel und akustisch wirksame Holzdecken schaffen eine warme Atmosphäre, die speziell auf die Bedürfnisse von Kindern abgestimmt ist. Großzügige Tageslichtführung reduziert zusätzlich den Energiebedarf und verbessert die Aufenthaltsqualität.


Ein Modell für den Bildungsbau im ländlichen Raum

Mit dem Multifunktionsgebäude in Barbian demonstriert Roland Baldi Architects eindrucksvoll, wie Bildungsbau heute verstanden werden kann: nicht als isolierte Einrichtung, sondern als sozialer und infrastruktureller Katalysator für die gesamte Gemeinde.

Die Verbindung von Bildungseinrichtungen, Mobilitätsangeboten, touristischer Infrastruktur und nachhaltiger Architektur schafft einen Ort mit hoher gesellschaftlicher Relevanz. Das Projekt zeigt, wie Architektur zur Stärkung ländlicher Räume beitragen kann und gleichzeitig neue Maßstäbe für integrierte Planung setzt.

Projektdaten im Überblick

  • Standort: Barbian
  • Bauherr: Gemeinde Barbian
  • Architektur: Roland Baldi Architects
  • Bruttogeschossfläche: 1.587 m²
  • Bauvolumen: 6.245 m³
  • Baubeginn: März 2023
  • Fertigstellung: August 2025
  • Energiestandard: KlimaHaus Gold
  • Nutzung: Kindergarten, Kinderkrippe, Mensa, Tourismusbüro, öffentliche Infrastruktur
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