Biennale (V): Utopien

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Besonders gespannt ist man natürlich auf den niederländischen Pavillon: Wie sieht dort die Umsetzung des Koolhaas-Biennalekonzepts aus? Folgt man ihm – oder produziert man eher ein Kontrastprogramm? Mit „Absorbing Modernity: 1914 bis 2014“ hatte Koolhaas das Thema für die Länderpavillons vorgegeben, und damit auch den niederländischen Kuratoren Guus Beumer (Direktor des Het Nieuwe Instituut in Rotterdam – früher NAi) und Dirk van den Heuvel (Architekturprofessor an der TU Delft und Leiter des Jaap-Bakema-Studienzentrums). Vordergründig haben sich die beiden brav einen besonderen Architekten aus dieser Zeitspanne herausgepickt: Jaap Bakema (1914 bis 1981), der ja in Deutschland auch kein Unbekannter ist. Er gehörte zur Nachkriegs-Avantgarde, war CIAM-Teilnehmer und später Mitglied des Team 10. Von ihm stammt eines der wegweisendsten Wohnhochhäuser im Berliner Hansaviertel.

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Unter der Überschrift „Open: A Bakema Celebration“ wird im Pavillon aber nicht Bakemas Architektur gefeiert – sondern eine Utopie. Bakema entwickelte die Idee einer offenen Gesellschaft – demokratisch, egalitär, integrativ. Und er baute danach, was in den zahlreichen Projekten vom Büro Van den Broek en Bakema zu spüren ist, aber auch in seinen Beiträgen als Redakteur der Zeitschrift „Forum“ fast missionarisch durchscheint. Das niederländische Studio „Experimental Jetset“ baute im Pavillon wunderbar leicht wirkende Holzgestelle auf, um die Vision sichtbar zu machen – mit Modellen, historischer Korrespondenz, Fotografien, Zeichnungen, Fernsehmaterial und Film. Nur leider würde man eine Woche brauchen, um sich das ganze Material anzusehen! Es ist schwierig, Bakemas Idee in der Ausstellung nachzuvollziehen. Das „Archiv als Quelle der Inspiration“, wie es Dirk van den Heuvel bei der Eröffnung beschrieb, bleibt auf Distanz und funktioniert besser als Publikation, zum Lesen, Blättern und Sich-vertiefen.

Dennoch weist der niederländische Pavillon hintergründig auf ein Manko des gesamten Koolhaas-Konzeptes hin. Erst in dieser Ausstellung wird dem Besucher bewusst, dass bei den „Fundamentals“ die wichtigste Grundlage der Architektur in der Biennale fehlt: der Bezug zur jeweiligen Kultur, der Gemeinschaft, der Nutzer.

Die Berichterstattung des Baumeisters von der Biennale wird unterstützt von FSB.

Fotos: Het Nieuwe Instituut