Wie lässt sich zusätzlicher Wohnraum schaffen, ohne abzureißen oder neue Flächen zu versiegeln? Das Projekt „4_GEWINNT!“ von HHS Planer + Architekten AG aus Kassel zeigt, wie ein Einfamilienhaus durch einen konsequenten Bestandsumbau in ein Mehrfamilienhaus mit vier Wohnungen transformiert werden kann. Für das 2023 fertiggestellte Projekt in Fritzlar erhielt das Büro am 23. September 2026 den 1. Preis des Hessischen Preises für Innovation und Gemeinsinn im Wohnungsbau.
Statt die bestehende Gebäudestruktur durch einen Neubau zu ersetzen, entwickelten die Architektinnen und Architekten das Wohnhaus aus den 1970er-Jahren weiter. Die vorhandene Bausubstanz blieb erhalten, bislang ungenutzte Flächen wurden aktiviert und das Gebäude energetisch ertüchtigt. So entstand neuer Wohnraum, ohne den baulichen Fußabdruck des Hauses zu vergrößern.
Bestandsumbau statt Abriss und Neubau
Das freistehende Wohnhaus liegt in südexponierter Hanglage in einem locker bebauten Wohngebiet der Stadt Fritzlar. Die architektonische Strategie zielte darauf, den städtebaulichen Maßstab des Quartiers und den Freiraumcharakter des Grundstücks zu bewahren.
Aus dem ehemaligen Einfamilienhaus entstanden zwei Zwei-Zimmer-Studioappartements und zwei großzügige, familiengerechte Maisonettewohnungen. Die vorhandene Gebäudetiefe und die Hanglage ermöglichten es, auch das Dach- und Gartengeschoss als vollwertigen Wohnraum zu nutzen.
Bis auf eine Wohnung mit Balkon verfügen alle Einheiten über einen eigenen Zugang zum Freiraum. Separate äußere Zugänge verleihen den Wohnungen jeweils eine eigenständige Adresse. Drei Wohnungen sind barrierefrei erreichbar, eine Wohnung wurde barrierefrei ausgebildet. Insgesamt leben nun zehn Personen in einem Gebäude, das zuvor von deutlich weniger Menschen genutzt wurde.
Vorhandene Strukturen weiterentwickeln
Beim Bestandsumbau blieb die Gebäudekubatur unverändert. Die FassadeFassade: Die äußere Hülle eines Gebäudes, die als Witterungsschutz dient und das Erscheinungsbild des Gebäudes prägt. erhielt eine DämmungDämmung: Materialien, die verwendet werden, um Wärme oder Schall in oder aus einer bestimmten Zone einer Konstruktion zu halten. aus Holzwolleplatten und eine neue Gestaltung mit auf Lücke gesetzten Lärchenholzleisten. Bestehende Bauteile wie Treppenanlage, GeländerGeländer: Eine Konstruktion aus Stäben oder Stäben und einem Handlauf, die auf Treppen oder Balkonen verwendet wird, um Sturzgefahren zu verhindern. und Dachdeckung konnten erhalten und in die neue Nutzung integriert werden.
Auch konstruktiv wurde auf einen zurückhaltenden Umgang mit dem Bestand gesetzt. Die vorhandene Tragstruktur blieb unangetastet. Für die FußbodenheizungFußbodenheizung: eine Heizung, die unter einem Bodenbelag versteckt ist und Wärme von unten nach oben abgibt. wurde auf einen neuen EstrichEstrich: eine geglättete Schicht aus Zement, Sand oder Gips, die als Oberfläche für Bodenbeläge dient. verzichtet: Die notwendigen Leitungsführungen wurden in den vorhandenen Boden eingefräst. Dadurch konnten Materialeinsatz und Bauzeit reduziert werden.
Der Entwurf zeigt, dass ein Bestandsumbau nicht zwangsläufig mit umfassenden Eingriffen in die Tragstruktur verbunden sein muss. Durch die gezielte Weiterverwendung vorhandener Bauteile lassen sich neue Wohnkonzepte entwickeln und Ressourcen schonen.
Energetische Ertüchtigung im Bestand
Neben der Neuorganisation der Wohnflächen wurde das Gebäude energetisch modernisiert. Holz- und Zellulosefaserdämmstoffe verbessern die GebäudehülleGebäudehülle: die äußere Hülle eines Gebäudes, die aus Dach, Wänden und Fenstern besteht und als Barriere gegen Wärme oder Kälte dient. Die Gebäudehülle ist im Wesentlichen die äußere Umhüllung eines Gebäudes, die es vor Witterungseinflüssen und Umwelteinflüssen schützt. Jedes Gebäude verfügt über eine Gebäudehülle, die aus vielen verschiedenen Teilen besteht….. Eine WärmepumpeWärmepumpe: Eine Wärmepumpe ist ein technisches Gerät, das dazu dient, Wärme von einem Ort mit niedriger Temperatur zu einem Ort mit höherer Temperatur zu transportieren. übernimmt die Versorgung mit Heizung und Warmwasser, während eine Photovoltaikanlage auf dem Dach das Energiekonzept ergänzt.
Für die energetische Sanierung wurden Fördermittel aus der Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) gewährt. Der Erhalt der bestehenden Bausubstanz reduzierte den Bedarf an neuen Baustoffen und vermied den zusätzlichen Ressourcenverbrauch eines vollständigen Abrisses und Neubaus.
Eine wichtige Voraussetzung für die neue Wohnungsaufteilung war die Reduzierung des erforderlichen Stellplatzschlüssels. Das Projekt verdeutlicht damit auch, welche Bedeutung geeignete baurechtliche Rahmenbedingungen für die NachverdichtungNachverdichtung – Die Verdichtung in bereits bebauten Gebieten, um Platz und Ressourcen zu sparen und den Flächenverbrauch zu reduzieren. im Bestand haben.
Vom Einfamilienhaus zum Mehrfamilienhaus
Bauherr und Eigentümer ist der BDA-Architekt Gerhard Greiner, der Teil des für die Planung verantwortlichen Büros HHS Planer + Architekten AG aus Kassel und zugleich Präsident der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen ist.
Mit vier Wohnungen unterschiedlicher Größe richtet sich das umgebaute Gebäude an verschiedene Haushaltsformen. Das Projekt verbindet die Nutzung vorhandener Flächen mit einer energetischen ErneuerungErneuerung: Die Erneuerung beschreibt in der Regel den Austausch von veralteten oder defekten Anlagen oder Bauteilen gegen neue. und der Weiterverwendung bestehender Bauteile.
„Viele bestehende Wohnhäuser bieten Potenzial für zusätzlichen Wohnraum. 4_GEWINNT! steht beispielhaft für einen ressourcenschonenden Umgang mit dem Gebäudebestand und die Schaffung dringend benötigten Wohnraums“, sagt Gerhard Greiner.
Auszeichnung für Innovation und Gemeinsinn
Beim 5. Hessischen Preis für Innovation und Gemeinsinn im Wohnungsbau wurde „4_GEWINNT!“ am 23. September 2026 mit dem 1. Preis ausgezeichnet. Die Jury würdigte insbesondere die Transformation des Einfamilienhauses, die Aktivierung von Keller- und Dachflächen sowie die architektonische Qualität und Impulswirkung für vergleichbare Bauaufgaben in Einfamilienhausgebieten.
Weitere Auszeichnungen erhielt das Projekt beim Tag der Architektur Hessen 2025 und mit dem Heinze Award 2025.
„4_GEWINNT!“ zeigt, wie der Bestandsumbau neue Wohnformen ermöglichen kann. Statt den Gebäudebestand als Einschränkung zu betrachten, nutzt das Projekt vorhandene Strukturen als Ausgangspunkt für eine ressourcenschonende und vielfältige Wohnraumentwicklung.
Projektdaten
| KategorieKategorie: Die Kategorie beschreibt die Gefahrenklasse von Stoffen und Materialien, z.B. entzündbare Flüssigkeiten, Gas oder Staub, und hat Einfluss auf die Brandschutzanforderungen. | Angaben |
|---|---|
| Projekt | 4_GEWINNT! – UmbauUmbau ist ein Begriff, der sich auf die Veränderung oder Renovierung eines bestehenden Gebäudes oder Raums bezieht. eines Einfamilienhauses in ein Mehrfamilienhaus |
| Standort | Gälbacher Warte 23, 34560 Fritzlar |
| Bauherr | Gerhard Greiner |
| Architektur | HHS Planer + Architekten AG, Kassel |
| Fertigstellung | 2023 |
| Wohnungen | 4 Mietwohnungen |
| Wohnfläche | ca. 475 m² |
| Auszeichnungen | Hessischer Preis für Innovation und Gemeinsinn im Wohnungsbau 2026, Tag der Architektur Hessen 2025, Heinze Award 2025 |
