24.09.2026

Architektur Projekte Wohnen

Bestandsumbau: Vier Wohnungen statt einer – 4_GEWINNT! von HHS

Bauen im Bestand
HHS Planer + Architekten verwandeln ein Einfamilienhaus in Fritzlar in vier Mietwohnungen. Das Projekt 4_GEWINNT! schafft neuen Wohnraum ohne Abriss und zusätzliche Flächenversiegelung. Bild: HHS PLANER + ARCHITEKTEN AG

Wie lässt sich zusätzlicher Wohnraum schaffen, ohne abzureißen oder neue Flächen zu versiegeln? Das Projekt „4_GEWINNT!“ von HHS Planer + Architekten AG aus Kassel zeigt, wie ein Einfamilienhaus durch einen konsequenten Bestandsumbau in ein Mehrfamilienhaus mit vier Wohnungen transformiert werden kann. Für das 2023 fertiggestellte Projekt in Fritzlar erhielt das Büro am 23. September 2026 den 1. Preis des Hessischen Preises für Innovation und Gemeinsinn im Wohnungsbau.

Statt die bestehende Gebäudestruktur durch einen Neubau zu ersetzen, entwickelten die Architektinnen und Architekten das Wohnhaus aus den 1970er-Jahren weiter. Die vorhandene Bausubstanz blieb erhalten, bislang ungenutzte Flächen wurden aktiviert und das Gebäude energetisch ertüchtigt. So entstand neuer Wohnraum, ohne den baulichen Fußabdruck des Hauses zu vergrößern.


Bestandsumbau statt Abriss und Neubau

Das freistehende Wohnhaus liegt in südexponierter Hanglage in einem locker bebauten Wohngebiet der Stadt Fritzlar. Die architektonische Strategie zielte darauf, den städtebaulichen Maßstab des Quartiers und den Freiraumcharakter des Grundstücks zu bewahren.

Aus dem ehemaligen Einfamilienhaus entstanden zwei Zwei-Zimmer-Studioappartements und zwei großzügige, familiengerechte Maisonettewohnungen. Die vorhandene Gebäudetiefe und die Hanglage ermöglichten es, auch das Dach- und Gartengeschoss als vollwertigen Wohnraum zu nutzen.

Bis auf eine Wohnung mit Balkon verfügen alle Einheiten über einen eigenen Zugang zum Freiraum. Separate äußere Zugänge verleihen den Wohnungen jeweils eine eigenständige Adresse. Drei Wohnungen sind barrierefrei erreichbar, eine Wohnung wurde barrierefrei ausgebildet. Insgesamt leben nun zehn Personen in einem Gebäude, das zuvor von deutlich weniger Menschen genutzt wurde.

Bestand vor der Sanierung. Haupterschliessung-zur-Strassenseite. Foto: HHS PLANER + ARCHITEKTEN AG
HHS PLANER + ARCHITEKTEN AG
Bestand vor der Sanierung. Haupterschliessung-zur-Strassenseite.
HHS PLANER + ARCHITEKTEN AG
Gebäude nach der Sanierung. Frontalansicht zur Strassenseite hin.

Vorhandene Strukturen weiterentwickeln

Beim Bestandsumbau blieb die Gebäudekubatur unverändert. Die Fassade erhielt eine Dämmung aus Holzwolleplatten und eine neue Gestaltung mit auf Lücke gesetzten Lärchenholzleisten. Bestehende Bauteile wie Treppenanlage, Geländer und Dachdeckung konnten erhalten und in die neue Nutzung integriert werden.

Auch konstruktiv wurde auf einen zurückhaltenden Umgang mit dem Bestand gesetzt. Die vorhandene Tragstruktur blieb unangetastet. Für die Fußbodenheizung wurde auf einen neuen Estrich verzichtet: Die notwendigen Leitungsführungen wurden in den vorhandenen Boden eingefräst. Dadurch konnten Materialeinsatz und Bauzeit reduziert werden.

Der Entwurf zeigt, dass ein Bestandsumbau nicht zwangsläufig mit umfassenden Eingriffen in die Tragstruktur verbunden sein muss. Durch die gezielte Weiterverwendung vorhandener Bauteile lassen sich neue Wohnkonzepte entwickeln und Ressourcen schonen.


Energetische Ertüchtigung im Bestand

Neben der Neuorganisation der Wohnflächen wurde das Gebäude energetisch modernisiert. Holz- und Zellulosefaserdämmstoffe verbessern die Gebäudehülle. Eine Wärmepumpe übernimmt die Versorgung mit Heizung und Warmwasser, während eine Photovoltaikanlage auf dem Dach das Energiekonzept ergänzt.

Für die energetische Sanierung wurden Fördermittel aus der Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) gewährt. Der Erhalt der bestehenden Bausubstanz reduzierte den Bedarf an neuen Baustoffen und vermied den zusätzlichen Ressourcenverbrauch eines vollständigen Abrisses und Neubaus.

Eine wichtige Voraussetzung für die neue Wohnungsaufteilung war die Reduzierung des erforderlichen Stellplatzschlüssels. Das Projekt verdeutlicht damit auch, welche Bedeutung geeignete baurechtliche Rahmenbedingungen für die Nachverdichtung im Bestand haben.

Der Balkon – Sinnbild für die kleine Freiheit des Wohnens und doch schon halb im öffentlichen Raum unter den Augen der Nachbarschaft. Im Inneren der vier Wände geht es in Zukunft mehr und mehr um Flexiblität: um so verschiedenen Lebenssituationen und -entwürfen gerecht zu werden. COVERFOTO: PEXELS/BEYZAA YURTKURAN
HHS PLANER + ARCHITEKTEN AG
Gebäude nach der Sanierung, terrassiertes-Gartengrundstueck zur Hangseite mit Gemeinschaftsgarten.
HHS PLANER + ARCHITEKTEN AG
Gebäude nach der Sanierung. Front zur Strassenseite hin.

Vom Einfamilienhaus zum Mehrfamilienhaus

Bauherr und Eigentümer ist der BDA-Architekt Gerhard Greiner, der Teil des für die Planung verantwortlichen Büros HHS Planer + Architekten AG aus Kassel und zugleich Präsident der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen ist.

Mit vier Wohnungen unterschiedlicher Größe richtet sich das umgebaute Gebäude an verschiedene Haushaltsformen. Das Projekt verbindet die Nutzung vorhandener Flächen mit einer energetischen Erneuerung und der Weiterverwendung bestehender Bauteile.

„Viele bestehende Wohnhäuser bieten Potenzial für zusätzlichen Wohnraum. 4_GEWINNT! steht beispielhaft für einen ressourcenschonenden Umgang mit dem Gebäudebestand und die Schaffung dringend benötigten Wohnraums“, sagt Gerhard Greiner.


Auszeichnung für Innovation und Gemeinsinn

Beim 5. Hessischen Preis für Innovation und Gemeinsinn im Wohnungsbau wurde „4_GEWINNT!“ am 23. September 2026 mit dem 1. Preis ausgezeichnet. Die Jury würdigte insbesondere die Transformation des Einfamilienhauses, die Aktivierung von Keller- und Dachflächen sowie die architektonische Qualität und Impulswirkung für vergleichbare Bauaufgaben in Einfamilienhausgebieten.

Weitere Auszeichnungen erhielt das Projekt beim Tag der Architektur Hessen 2025 und mit dem Heinze Award 2025.

„4_GEWINNT!“ zeigt, wie der Bestandsumbau neue Wohnformen ermöglichen kann. Statt den Gebäudebestand als Einschränkung zu betrachten, nutzt das Projekt vorhandene Strukturen als Ausgangspunkt für eine ressourcenschonende und vielfältige Wohnraumentwicklung.

Projektdaten

Kategorie Angaben
Projekt 4_GEWINNT! – Umbau eines Einfamilienhauses in ein Mehrfamilienhaus
Standort Gälbacher Warte 23, 34560 Fritzlar
Bauherr Gerhard Greiner
Architektur HHS Planer + Architekten AG, Kassel
Fertigstellung 2023
Wohnungen 4 Mietwohnungen
Wohnfläche ca. 475 m²
Auszeichnungen Hessischer Preis für Innovation und Gemeinsinn im Wohnungsbau 2026, Tag der Architektur Hessen 2025, Heinze Award 2025
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