Architektur ist mehr als gebautes Objekt. Sie ist kulturelles Gedächtnis, soziales Werkzeug, politisches Statement. Sie kann Räume der Teilhabe öffnen – oder verschließen. Sie kann heilen, irritieren, provozieren oder schlichtweg funktionieren. Der BDA-Architekturpreis Nike 2025, am 11. September in Erfurt vergeben, macht dies mit beeindruckender Klarheit sichtbar.
Alle drei Jahre zeichnet der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten Projekte aus, die nicht nur durch architektonische Qualität, sondern vor allem durch ihre gesellschaftliche Wirkung überzeugen. In diesem Jahr wurden sechs aktuelle Arbeiten sowie ein klassisches Bauwerk geehrt. Die Spannweite reicht von einem ausrangierten Garagenbau, der in kollektiver Eigenleistung zu neuem Leben erweckt wurde, bis zu einem Hochschulbau der 1970er-Jahre, der bis heute als städtebauliches Statement wirkt.
Nike ist damit nicht nur Preis, sondern auch programmatisches Signal: Baukultur wird als gesellschaftliche Praxis sichtbar – über regionale Grenzen hinaus, hinein in die öffentliche Diskussion.
Architektur als Haltung – nicht nur als Form
Die Jury, zusammengesetzt aus Architektinnen, Architekten, Fachjournalistinnen und BDA-Präsidiumsmitgliedern, betonte bei ihrer Auswahl, dass Architektur nicht im Objektiven verharrt. Nicht die formale Exzellenz allein, sondern die Haltung, mit der gebaut, transformiert oder aktiviert wird, steht im Zentrum.
Gerade in Zeiten einer verschärften Baukrise, in der Fragen nach Material, EnergieEnergie: die Fähigkeit, Arbeit zu verrichten oder Wärme zu erzeugen. und sozialer Verantwortung das Fach prägen, erscheinen die ausgezeichneten Projekte als exemplarische Antworten: kleinmaßstäblich, partizipativ, ökologisch, sozial. Und sie erinnern daran, dass Architektur stets ein Resonanzkörper der Gesellschaft ist.
Nike für Aktivierung: Luise 19E, Werder (Havel)
Dass Architektur auch aus dem Off entstehen kann, zeigt Luise 19E – ein Garagengebäude, dem der Abriss drohte. Die Berliner Architekten undjurekbrüggen entschieden sich, gemeinsam mit der Bauherrschaft Uferwerk eG und künftigen Nutzerinnen und Nutzern, den Bestand nicht zu tilgen, sondern zu transformieren.
In einem kollektiven Selbstbauprozess entstand ein Gemeinschaftshaus, das seine Brüche nicht kaschiert, sondern als Qualität inszeniert: unregelmäßige Mauerwerksbilder, ergänzt durch wiederverwendete Materialien, werden von einem neuen Dach zusammengehalten.
Die Jury würdigte den subtilen Verweis auf DDR-Garagenhöfe als soziale Orte und sah in dem Projekt eine „kleine, funkelnde Demonstration“ dafür, wie Baukultur durch Engagement und Partizipation entsteht.
Bereits analysiert im BAUMEISTER 1/2024
Nike für gesellschaftliches Engagement: Spore Initiative & Publix, Berlin
Mit dem Ensemble Spore Initiative & Publix gelang den AFF Architekten ein doppelter Balanceakt: architektonisch präzise, sozial hoch wirksam. Zwei Bauten teilen sich einen Platz, der zum urbanen Forum wird. Ornamentale FassadenFassaden sind die Außenwände von Gebäuden, die zur Straße hin sichtbar sind., präzise Proportionen, die Integration historischer Spolien – all das verleiht dem Ensemble eine besondere Präsenz im Stadtraum.
Doch es ist nicht die Architektur allein, die die Jury überzeugte. Entscheidend ist die Art, wie der Ort bespielt wird: als offener Raum für Austausch, für kritische Diskurse, für zivilgesellschaftliche Initiativen. So wird Architektur zum Katalysator urbaner Öffentlichkeit.
Vertieft nachzulesen im BAUMEISTER 10/2024.
Nike für Bildung: Studierendenhaus TU Braunschweig
Bildungsarchitektur lebt von Offenheit und Flexibilität. Das Studierendenhaus an der TU Braunschweig, entworfen von den jungen Berliner Architekten Gustav Düsing & Max Hacke, ist ein Manifest dieser Haltung.
Mit modularer Stahl-Holz-Hybridkonstruktion entstanden Räume, die hierarchiefrei, nachhaltig und vollständig rückbaubar sind. Trotz der technischen Komplexität wirkt das Haus überraschend leicht, fast selbstverständlich.
Die Jury lobte die Reduktion der Mittel, die hohe Aufenthaltsqualität und die zeitgemäße Logik des Energiekonzepts. Dass das Gebäude längst von Studierenden intensiv genutzt wird, ist die vielleicht überzeugendste Bestätigung seines architektonischen Konzepts.
Nachzulesen im BAUMEISTER 1/2024.
Nike für soziale Intervention: Café Leo, Berlin
Wie viel Wirkung ein kleines Gebäude entfalten kann, zeigt das Café Leo von sophie & hans Architekten. Auf minimaler Grundfläche entstand ein filigraner Holzbau, der sich durch TransparenzTransparenz: Transparenz beschreibt die Durchsichtigkeit von Materialien wie Glas. Eine hohe Transparenz bedeutet, dass das Material für sichtbares Licht durchlässig ist. und offene Geste in ein raues Umfeld einschreibt.
Das Café ist Einladung und Schutzraum zugleich – und wurde von Beginn an von unterschiedlichsten sozialen Gruppen angenommen. Die Jury hob die Detailqualität, die elegante Holzkonstruktion und die ungebrochene Wirkung nach Jahren der Nutzung hervor.
Hier zeigt sich, dass Architektur nicht monumental sein muss, um gesellschaftlich relevant zu werden.
Bereits vorgestellt im BAUMEISTER 3/2025.
Nike für den Umgang mit dem Bestand: Campus-Kindergarten Merseburg
Der UmbauUmbau ist ein Begriff, der sich auf die Veränderung oder Renovierung eines bestehenden Gebäudes oder Raums bezieht. einer ehemaligen Telefonzentrale zum Kindergarten durch Aline Hielscher Architektur ist ein Lehrstück präziser Intervention. Ohne große gestalterische Gesten wurde eine neue Nutzung in ein Gebäude eingeschrieben, das in seiner DDR-Alltagsarchitektur bislang wenig Beachtung fand.
Die Transformation besticht durch Selbstverständlichkeit: Ein Bewegungsraum ersetzt den technischen Kern, farbliche Akzente markieren die neue Nutzung, ohne den Charakter des Bestands zu verleugnen.
Die Jury würdigte diese subtile, fast unspektakuläre Umdeutung als beispielhaft für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem baulichen Erbe.
Nike für Wohnen: Johanniterzentrum Andreasgärten, Erfurt
Wie lassen sich urbane Brüche heilen? Das Johanniterzentrum Andreasgärten in Erfurt antwortet darauf mit einer klugen städtebaulichen Setzung. Drei schlanke Holzbauten gruppieren sich um einen gemeinschaftlichen Garten und füllen so eine innerstädtische Brache mit Leben.
Das Projekt der Heine Mildner Architekten, Dorschner Kahl Architekten und Simonsen Freianlagen schafft nicht nur Wohnraum für mehrere Generationen, sondern auch neue Formen des sozialen Zusammenlebens. Die Jury hob die Laubengänge aus HolzHolz: Ein natürlicher Werkstoff, der zur Herstellung von Schalungen und Gerüsten genutzt werden kann. Es wird oft für Bauvorhaben im Bereich des Holzbaus verwendet. und die Grundrisslösungen hervor, die ein „Durchwohnen“ ermöglichen.
Ein Ensemble, das intime Räume schafft – mitten in der Stadt.
Klassik-Nike: Hochschule für Musik und Tanz Köln (1969–1977)
Mit der Klassik-Nike würdigt der BDA ein Bauwerk, das exemplarisch für eine Ära steht, in der Architektur selbstverständlich als gesellschaftlicher Beitrag gedacht wurde. Die Hochschule für Musik und Tanz Köln, entworfen von der Werkgruppe 7 und Bauturm, ist skulptural, monumental, zugleich offen und einladend.
Rote Akzente, großzügige Verkehrsflächen, räumliche Vielfalt – bis heute wird der Bau von Studierenden und Publikum gleichermaßen genutzt. Die Jury betonte, dass aktuelle Architekturprojekte nicht hinter diesem Anspruch zurückfallen dürfen. Ein Weckruf aus der Vergangenheit an die Gegenwart.
Neue Medienstrategie: Baukultur sichtbar machen
Begleitet wurde die diesjährige Preisverleihung von einer neuen visuellen Medienstrategie. Ziel ist es, die ausgezeichneten Projekte stärker in der Öffentlichkeit zu verankern und die gesellschaftliche Relevanz von Architektur deutlicher zu kommunizieren.
Denn was die Nike auszeichnet, ist nicht nur die Qualität einzelner Werke, sondern der Diskurs, den sie anstößt: Wie wollen wir bauen? Welche Verantwortung trägt Architektur? Und wie kann sie zur Gestaltung einer lebenswerten Gesellschaft beitragen?
Architektur als Resonanzraum
Der BDA-Architekturpreis Nike 2025 zeigt eindrücklich, dass Baukultur nicht in der ästhetischen Form erschöpft ist. Die ausgezeichneten Projekte sind Ausdruck einer Haltung, die Architektur als Resonanzraum versteht – zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Individuum und Gemeinschaft, zwischen gebautem Raum und sozialem Leben.
Sie erinnern daran, dass Architektur immer mehr ist als das, was man sieht: Sie ist das, was sie ermöglicht.
