Baumeister 8 – Trotz allem europäisch

 

So ganz allmählich haben wir alle uns von dem Brexit-Schock erholt. Und ein Schock war es. Noch als meine Kollegin Sabine Schneider zur Eröffnung der Tate Modern-Erweiterung nach London flog, waren wir beim Baumeister sicher, dass Britannien „drinnen“ bleiben würde. Doch es kam anders. Umso richtiger war unsere Entscheidung – die wir freilich vor der Volksabstimmung auf der Insel treffen mussten –, London und die Tate-Modern-Erweiterung von HdM in dieser Ausgabe auf den Titel zu heben.

Die Tate Modern ist nicht nur für London eine Ikone. Sie ist auch ein europäisches Gebäude. Kein europäisches Museum zieht mehr Besucher an. Und keines hat eine solche Anziehungskraft speziell auf junge Menschen aus ganz Europa, für Schüler aus der deutschen Provinz etwa, die auf Klassenreise oder Billigflieger-Trip in London erstmals Weltstadtluft atmen.

London ist für Europa wichtig. Das Selbstverständnis dieser Stadt als europäische Metropole hat das Projekt der Grenzöffnung in Europa immer mit ausgemacht. Wenn sich London nun aus dem Gefüge der europäischen Metropolen verabschiedet – zumindest ein Stück weit –, dann verändert das eben auch das gesamte europäische Projekt.

Und ich kann allen Architekturfreunden raten, London nicht aus dem Reisekalender zu streichen. Denn nicht nur ist die Tate Modern sehenswert. In London lässt sich auch beobachten, wie sich die Kombination aus architektonischem Geltungswillen, sehr viel Kapital und gewachsener Bausubstanz sich in einem nicht immer schönen, aber doch vitalen Geflecht niederschlägt.