01.07.2026

Architektur Produkt

Bauen im Bestand – Der Baumeister im Juli 2026 ist da !

Weiter geht’s mit dem Vorhandenen statt Abriss. Der Weg mag schwieriger, unvorhersehbarer sein, doch kann er zu sehr befriedigenden Lösungen führen, wie die Beispiele im Heft zeigen. Und höher geht’s, denn manchmal erlaubt der umgebaute Bestand sogar Gebäudedimensionen, die inzwischen gar nicht mehr genehmigungsfähig wären.
COVERFOTO: KYLE MILLER/PEXELS
Weiter geht’s mit dem Vorhandenen statt Abriss. Der Weg mag schwieriger, unvorhersehbarer sein, doch kann er zu sehr befriedigenden Lösungen führen, wie die Beispiele im Heft zeigen. Und höher geht’s, denn manchmal erlaubt der umgebaute Bestand sogar Gebäudedimensionen, die inzwischen gar nicht mehr genehmigungsfähig wären.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

es gibt Themen, die in regelmäßigen Abständen wiederkehren. Das Themenfeld Bauen im Bestand gehört allerdings nicht dazu. Es war nämlich nie weg.

Während sich die Disziplin gern mit dem Neuen, Innovationen, Materialentwicklungen und Zukunftsvisionen beschäftigt, findet ein erheblicher Teil der tatsächlichen Baupraxis seit Jahrzehnten bereits dort statt, wo Architektur am anspruchsvollsten ist: im Umgang mit dem Vorhandenen. Wer lange genug plant, baut, saniert oder entwickelt, lernt eine einfache Wahrheit kennen: Ein Neubau beantwortet Fragen. Aber der Bestand stellt sie.


Bestand als architektonische Herausforderung

Vielleicht liegt genau darin seine Faszination. Bestand ist Widerspruch in gebauter Form. Er ist gleichermaßen Ressource und Restriktion. Er erzählt von früheren Bedürfnissen, technischen Möglichkeiten und gesellschaftlichen Vorstellungen. Und er besitzt die unangenehme Eigenschaft, sich nur selten so zu verhalten, wie es die Bestandsunterlagen versprechen.


Mehr als Nachhaltigkeit

In den vergangenen Jahren wurde das Bauen im Bestand zunehmend unter ökologischen Vorzeichen diskutiert. Zu Recht. Die Debatte um graue Energie, Lebenszyklusanalysen, Flächenverbrauch und CO₂-Bilanzen hat verdeutlicht, dass die nachhaltigste Wand häufig jene ist, die bereits existiert. Doch wer den Bestand ausschließlich als Klimainstrument betrachtet, greift, wie meistens in Bezug auf vermeintlich klimarettende Instrumente, zu kurz.

Der Bestand zwingt uns zu einer Art inneren Haltung, die der Architektur dieser Tage viel zu oft abhandengekommen ist: Demut. Nicht im Sinne einer Unterwerfung, sondern als Erkenntnis. Die Erkenntnis, dass nicht jede Aufgabe nach maximaler gestalterischer Freiheit verlangt. Dass Qualität manchmal darin besteht, präzise zu ergänzen, statt spektakulär zu ersetzen. Und dass Fortschritt nicht zwangsläufig mit Abriss beginnt.


Politische Rahmenbedingungen neu denken

Gerade deshalb lohnt sich auch ein kritischer Blick auf die politischen Rahmenbedingungen. Noch immer belohnen zahlreiche Regelwerke, Förderlogiken und Genehmigungsprozesse den Neubau oft stärker als die intelligente Transformation. Nicht aus bösem Willen, sondern aus einer jahrzehntelang gewachsenen Systematik, die Berechenbarkeit höher bewertet als Komplexität. Der Bestand hingegen ist komplex. Er hält sich selten an Standardlösungen. Er widersetzt sich Schablonen. Und genau deshalb wird er häufig schwieriger behandelt als notwendig.


Ein Perspektivwechsel für die Architektur

Dabei wird die Fähigkeit, mit vorhandenen Strukturen umzugehen, zu einer der entscheidenden Kompetenzen unserer Disziplin werden. Nicht weil Ressourcen knapper werden. Sondern weil die gebaute Welt längst da ist. Die Städte Europas bestehen nicht aus zukünftigen Gebäuden. Sie bestehen aus bestehenden Gebäuden.

Vielleicht markiert das Bauen im Bestand deshalb keinen Trend, sondern einen Perspektivwechsel. Weg von der Vorstellung, Architektur beginne auf einem leeren Blatt Papier. Hin zu der Erkenntnis, dass sie meist dort beginnt, wo bereits jemand vor uns eine Linie gezogen hat.

Ich bin davon überzeugt, dass das oft die anspruchsvollste Form des Entwerfens ist.

Herzlichst,

Tobias Hager
Chefredakteur
t.hager@georg-media.de

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