Mit der Ausstellung „Pläne und Träume. Gezeichnet in der DDR“ widmet sich das Museum für Architekturzeichnung der Tchoban Foundation vom 24. Mai bis zum 7. September 2025 einem bislang wenig beleuchteten Aspekt ostdeutscher Baugeschichte. In Kooperation mit dem Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) bietet die Schau einen tiefen Einblick in das zeichnerische Schaffen von Architektinnen und Architekten in der DDR – zwischen normierter Bauplanung und individueller Vision.
DDR-Architektur in Zeichnungen: Zwischen Pflicht und Fantasie
Die DDR war geprägt von zentralisierter Planung und normierten Bauformen. Doch abseits des strengen Funktionalismus blühte eine stille Kunst: das freie architektonische Zeichnen. Die Ausstellung untersucht diese Dualität anhand von rund 140 Exponaten, die auf zwei Ausstellungsebenen einen spannungsvollen Dialog eröffnen – zwischen amtlichen Projektentwürfen und privater Wunschproduktion.
Die Schau fragt dabei explizit: Was unterscheidet das zeichnerische Arbeiten von DDR-Architektinnen und -Architekten vom globalen Standard? Die Antwort liegt weniger in den verwendeten Materialien – Transparentpapier, Tusche, Bleistift – sondern vielmehr im inhaltlichen Spannungsfeld. Viele Zeichnungen gingen über die reine Visualisierung offizieller Bauaufträge hinaus: Sie waren Ausdruck individueller Träume, künstlerischer ReflexionReflexion: die Fähigkeit eines Materials oder einer Oberfläche, Licht oder Energie zu reflektieren oder zurückzustrahlen. und stiller Kritik.
Ausstellungskonzept: Kontrast und Kontext
Kuratiert von Dr. Kai Drewes, Leiter der Wissenschaftlichen Sammlungen des IRS, und dem Berliner Architekturkritiker Wolfgang Kil, eröffnet die Ausstellung eine vielschichtige Perspektive auf die DDR-Architektur. Historisch verankert, jedoch stets mit Blick auf das Individuum, stellt sie das Zeichnen als Medium der Selbstvergewisserung und künstlerischen Emanzipation in den Mittelpunkt.
Die Ausstellung zeigt sowohl Werke, die im Rahmen offizieller Wettbewerbe oder Planungsprozesse entstanden – wie etwa der Perspektiventwurf des Altmarkts in Dresden von Herbert Schneider (1952) oder die Vogelschau des Berliner Stadtzentrums von Dieter Bankert (1976) – als auch freie künstlerische Arbeiten wie „Balkonträumereien 2“ von Lutz Brandt (1983) oder „Sächsisches Babel“ von Michael Kny (1981). Die Gegenüberstellung dieser Werkgruppen macht deutlich: Zeichnen war für viele DDR-Architekten nicht nur Beruf, sondern auch ein Ventil zur Flucht aus der Normierung.
Einblicke in das wichtigste Archiv ostdeutscher Architekturgeschichte
Ein Großteil der gezeigten Werke stammt aus den Wissenschaftlichen Sammlungen des IRS in Erkner – dem bedeutendsten Archiv zur ostdeutschen Architekturgeschichte nach 1945. Die Sammlung umfasst neben amtlichen Unterlagen auch rund 150 Vor- und Nachlässe von Architektinnen und Architekten, darunter zahlreiche Skizzen, Wettbewerbsbeiträge und persönliche Zeichnungen.
Ergänzt wird das Material durch Leihgaben namhafter Institutionen wie der Berlinischen Galerie, der Bauhaus-Universität Weimar, dem Stadtarchiv Leipzig oder dem Werkbundarchiv – Museum der Dinge und vielen mehr. Diese breite Quellenbasis erlaubt eine vielschichtige Annäherung an den DDR-Planungsalltag – und dessen kreative Gegenentwürfe.
Eine erträumte Baugeschichte
Die Ausstellung zeichnet keine lineare Architekturgeschichte. Vielmehr macht sie die „erträumte Baugeschichte der DDR“ sichtbar – eine Geschichte, die sich zwischen realisierten Plänen und utopischen Visionen entfaltet. Der Besucher erfährt, wie Architekten abseits der staatlichen Bauaufgaben in ihrer Freizeit Räume erschufen, die nie gebaut wurden – aber in Zeichnungen weiterleben.
Die ZeichnungEine Zeichnung ist eine grafische Darstellung von Objekten, Räumen oder Bauteilen. als Medium zwischen Technik und Kunst steht im Zentrum dieser Erzählung. Sie zeigt Architekten als Träumer, als Kritiker und als Künstler. Damit bietet die Ausstellung nicht nur ästhetischen Genuss, sondern auch einen bedeutenden Beitrag zur kulturgeschichtlichen Einordnung des Architektenberufs in der DDR.
Katalog
Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog, der nicht nur alle gezeigten Werke dokumentiert, sondern auch vertiefende Einblicke in die Arbeitswelt ostdeutscher Architekt*innen bietet. Zusätzlich sind Führungen und Vorträge geplant, die den diskursiven Rahmen der Ausstellung stärken.
Christinenstraße 18a, 10119 Berlin
Ausstellungsdauer: 24. Mai – 7. September 2025
Öffnungszeiten: Mo–Fr: 14–19Uhr, Sa–So: 13–17 Uhr; Eintritt: 6€ / ermäßigt 4€
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