25.11.2014

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Berlins Architektur des Grauens

von Alexander Gutzmer

Karte Abriss-Vorsatz

Karte Abriss-Vorsatz
Abrissatlas
Tacheles in Berlin
Moritzplatz
Yoo in Berlin
Siegessäule

Ja, es gibt schlechte Architektur. Auch, nicht nur in Berlin. Allerdings ist die architektonische Katerstimmung in der Hauptstadt gerade besonders ausgeprägt. Wohl weil Berlin nach der Wende ein Chancenraum ohne gleichen war. Und vielleicht weil wir von unserer Hauptstadt immer etwas mehr erwarten als von, sagen wir, München oder Düsseldorf. Diese Stadt, die viel von sich redet und reden macht, müsste doch angesichts der Investoren der Welt, die in den vergangenen Jahren auf sie geblickt haben, ein paar herausragende Gebäude zustande gebracht haben, die heute für die Stadt als Ganze stehen und für das Land, in dem wir leben. Allein – man wüsste nicht, welches diese Gebäude sein sollten. Stattdessen ist Berlin von seiner Architektur und das ganze Land vom Antlitz seiner zunehmend volleren, aber nicht besser ausschauenden Hauptstadt genervt.

Wenn also jemand ein Buch voller berlinbezogener Architekturverrisse herausbringt, dann könnte das unoriginell und auch unsympathisch wirken. Es sei denn es geschieht in, eben, origineller und sympathischer Weise. Letzteres haben Jeanette Kunsmann, Stephan Burkoff und Stephan Becker getan. Einen Abrissatlas haben sie geschrieben, gemeinsam mit sieben weiteren Autoren, darunter Koryphäen wie Niklas Maak und Raumintellektuelle wie Friedrich von Borries. Die Hitliste der Berliner Neubausünden – deren Lektüre Freude bereitet.

Das Schöne: Die Liste des Schreckens kommt lässig daher. Kein ellenlanges, staatstragendes Gejammer über das schlechte Heute, das aufgrund seiner charakterlichen Verderbtheit nur miese Bauten hervorbringen kann. Stattdessen radikal knappe, klare, erfrischend direkte Kurzverrisse. Fast möchte man so etwas wie eine „Berliner Schnauze” erkennen; aber die ist ja auch nur so ein Berliner Gerücht. „Kanzlers Waschmaschine“ sagt eben kein Ortsansässiger zum Kanzleramt, auch wenn das in Reiseführern immer wieder zu lesen ist. „Im Schleudergang“ nennt Burkoff seinen Kurztext zu dem Schultes-Bau.

Der Abriss-Atlas versammelt viele willige Opfer. Den Shopping-Autisten Alexa etwa, das „Yoo Berlin”, das pompöse Zoofenster, die BND-Zentrale. Interessant ist das Buch aber besonders da, wo es überrascht, also etwa wenn Maak den Berliner Dom der Abrissbirne anheim geben will, von Borries die Siegessäule oder Antje Stahl das Brandenburger Tor. Und wenn man sich gerade noch ärgert, dass der gut in seine Zeit passende 80er-Jahre-Spaßarchitekt Hinrich Baller in der Liste auftaucht, denkt man kurz drauf: Genau darum macht auch dieses Buch ja Spaß. Weil man sich ärgern will. Über Bauten wie über Texte. Und sich zugleich am Ärgern erfreuen.

Übrigens hält das Buch auch eine journalistische Innovation parat: Den Ein-Satz-Verriss. Von Borries schreibt zum Schlossneubau folgende Kritik:

„Wer kam eigentlich auf die Idee, den Palast wieder aufzubauen?“

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