22. November 2011 / Alexander Gutzmer

Städte sind mehr als Körper: Konferenz „Im Herzen der Stadt“

Toni-Areal, ZürichDa sitze ich in einem alten und sehr schönen Kinosaal am Stachus, jenem hektischen wie verlorenen Münchner Nicht-Zentrum. Und höre mir an, wie die Professoren Dietrich Fink und Fritz Neumeyer über die Rettung des "Herzens der Stadt" reden, oder die Architekten Johannes Kühn (Kühn Malvezzi Architekten) und Tony Fretton. Recht interessant das alles. Und doch werde ich das Gefühl nicht los: Hier stimmt doch was nicht.

Irgendwann weiß ich, was mich stört: Die im Titel der Veranstaltung angedeutete Analogie. „Im Herzen der Stadt“ wurde die illustre Diskussionsrunde betitelt. Der Titel impliziert, dass mit einer Analogie zum menschlichen Körper ein, wie man das gerne nennt, „funktionierender städtischer Organismus“ zu schaffen sein. Und genau das glaube ich nicht.

Die Körpermetapher ist im Stadtdiskurs populär, nicht erst seit Richard Sennetts Buch „Flesh and Stone“. Doch die Münchner Diskussion, die Finks Lehrstuhl für integriertes Bauen an der hiesigen TU organisiert hatte, zeigte, weshalb die Metapher nicht passt, wenn man urbane Entwicklungspotenziale diskutieren will. Anders als Städte und architektonische Programme, sind menschliche Körper nämlich in ihrem Wesen radikal konservativ. Sie haben ein von vornherein definiertes Entwicklungsprogramm – Ausbildung eines Erwachsenenkörpers mit allem, was dazugehört. "Innovationspotenzial" gleich null, mal abgesehen von Verfeinerungsoptionen via Fitness-Center oder Tattoo-Studios.

Die einzigen, die am menschlichen Körper kontinuierlich herumwerkeln, sind Ärzte. Die sind qua Definition rein auf Erhalt des Status Quo aus. Ihr ganzes Tun und Trachten ist darauf angelegt, den körperlichen Verfall so lang wie möglich aufzuhalten. „Bauen im Bestand“ findet im menschlichen Körper also nur konservierend statt – und langfristig reichlich erfolglos.

Welch viel reichere Möglichkeiten dagegen Architektur und Stadtplanung haben, führten die Referenten der Münchner Konferenz vor. Beispiel: die Umnutzungsprojekte, die Daniel Niggli von EM2N Architekten präsentierte. Etwa das Züricher „Toni-Areal“ (dazu auch die Bilder oben und unten). Aus einer ehemaligen Milchverarbeitungsfabrik wollen Niggli und seine Leute eine Plattform für Bildung und Kultur machen. 2013 sollen die Hochschule der Künste und Teile der Hochschule für Angewandte Wissenschaften einziehen, hinzu kommen 90 Wohnungen.

Toni-Areal, ZürichEM2N machen die ehemalige Fabrik zu einem reichen und multifunktionalen, aber auch labyrinthischen neuen Stück Stadtkörper. Als Planungsaufgabe ebenso reizvoll wie monströs. Und in seiner Radikalität definitiv nicht mit Metaphern menschlicher Körperlichkeit zu beschreiben. Hier werden neue Möglichkeitsräume geschaffen, neue Spuren gelegt. Im Körper geht so etwas trotz Botox nicht, in der Stadt schon.

 

Fotos: EM2N

Toni-Areal, Zürich

 
 
 
 
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