Virtueller Werkraum


19. Januar 2012 / Alexander Gutzmer

Kracauer und die Domotex

Mensch als Ornament

Mensch als Ornament

Wie man sieht, bemühen sich Aussteller auf Messen wie der hannoverschen "Domotex" durchaus um visuelle Effekte. Einmal pro Stunde wechseln sich die Damen in den Wänden dieses Standes ab. Mich erinnert das an Siegfried Kracauers Theorie des "Ornaments der Masse" und seine Analyse der Ballettkombo "Tiller Girls". Hier ein paar Kracauer-Passagen:

"Mit den Tillergirls hat es begonnen. Diese Produkte der amerikanischen Zerstreuungsfabriken sind keine einzelnen Mädchen mehr, sondern unauflösliche Mädchenkomplexe, deren Bewegungen mathematische Demonstrationen sind. Während sie sich in den Revuen zu Figuren verdichten, ereignen sich auf australischem und indischem Boden, von Amerika zu schweigen, in immer demselben dichtgefüllten Stadion Darbietungen von gleicher geometrischer Genauigkeit. Die Ornamente bestehen aus Tausenden von Körpern, Körpern in Badehosen ohne Geschlecht. Träger der Ornamente ist die Masse. Sie werden aus Elementen zusammengestellt, die nur Bausteine sind und nichts außerdem. Zur Errichtung des Bauwerkes kommt es auf das Format der Steine und ihre Anzahl an. Es ist die Masse, die eingesetzt wird. Als Massenglieder allein, nicht als Individuen, die von innen her geformt zu sein glauben, sind die Menschen Bruchteile einer Figur.
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Ein solches Ornament aus Menschen, das der Kontrolle und Beobachtung derjenigen entzogen ist, die es herstellen, ist ein abstraktes Ornament. Es ist eine Übertragung von Geraden und Kreisen, wie wir sie aus den Lehrbüchern der euklidischen Geometrie kennen, ins menschliche Bewegungsmaterial.
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Die Tillergirls lassen sich nachträglich nicht mehr zu Menschen zusammensetzen… Arme, Schenkel und andere Teilstrecken sind die Bestandstücke der Komposition. Die Struktur des Massenornaments spiegelt die der gegenwärtigen Gesamtsituation wider. Da das Prinzip des kapitalistischen Produktionsprozesses nicht rein der Natur entstammt, muß es die natürlichen Organismen sprengen, die ihm Mittel oder Widerstände sind. Der Mensch als Massenteilchen allein kann reibungslos an Tabellen emporklettern und Maschinen bedienen. Das gegen Gestaltunterschiede indifferente System führt von sich aus zur Verwischung der nationalen Eigenarten und zur Fabrikation von Arbeitermassen, die sich an allen Punkten der Erde gleichmäßig einsetzen lassen. Der kapitalistische Produktionsprozeß ist sich Selbstzweck wie das Massenornament. Im tatsächlichen Vollzug erledigt jeder seinen Griff am rollenden Band, übt eine Teilfunktion aus, ohne das Ganze zu kennen. Gleich dem Stadionmuster steht die Organisation über den Massen, eine monströse Figur, die von ihrem Urheber den Augen ihrer Träger entzogen wird und kaum ihn selbst zum Betrachter hat. Den Beinen der Tillergirls entsprechen die Hände in der Fabrik. Das Massenornament ist der ästhetische Reflex der von dem herrschenden Wirtschaftssystem erstrebten Rationalität."

 
 
 
 
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