25. Januar 2012 / Eva-Maria Eichenseher (Gastautorin)
Interview: "Architektur ist ein Paradebeispiel für Usability"
Am 7. Februar beginnt in München die "Munich Creative Business Week", deren Medienpartner der Baumeister ist. Die Konferenz "Decoded" im Rahmen der Business Week befasst sich vor allem mit Trends an der Grenze zwischen Design, Architektur und Digitaler Wirtschaft. Wir sprachen vorab mit Thomas Gläser, User Experience Designer und Veranstalter der „decoded@mcbw“.
Herr Gläser, auf der decoded@mcbw-Konferenz geht es in erster Linie um das Thema „Usability“ oder auch „User Experience Design“ auf der digitalen Ebene. Doch Fragen der Benutzerfreundlichkeit tangieren auch andere Bereiche des täglichen Lebens. Beispielsweise ist der Zugang zum öffentlichen Nahverkehr gerade für ältere und behinderte Menschen oftmals eine Herausforderung. Was wünschen Sie sich von der Architektur als eine wichtige Design-Disziplin in Fragen der „Usability“?
Thomas Gläser: Nachdem ich mich vor kurzem erst wieder im Parkhaus der BMW Welt verlaufen habe, fällt mir hierbei spontan der Punkt „Benutzerführung“ ein. Wie kann sich moderne Architektur dabei noch mehr am Benutzer orientieren und ihm intelligente Wege bieten, in denen er sich zurecht findet? Bei der Konzeption von interaktiven Anwendungen gibt es dafür den benutzerzentrierten Designansatz (UCD), bei dem von der ersten Minute an um die späteren Benutzer herum entwickelt wird. Sei es ein so genanntes „Shadowing“, bei dem der Designer seine Benutzer einen Tag lang verdeckt über die Schulter schaut, um deren Abläufe und Verhalten besser zu verstehen. Oder sei es das Aufstellen von „Personas“, von fiktiven Benutzern mit allen ihren menschlichen Stärken und Schwächen, um deren Eigenheiten herum eine individuelle Anwendung entsteht. Mich würde interessieren, zu welchen Ergebnissen die Methoden in der Architektur führen würden. Auf der Seite http://designmethodenfinder.de kann man dabei noch mehr über die Definition und den Nutzen von weiteren Designmethoden erfahren.
Kunststoffe spielen bei der Gestaltung von digitalen Gegenständen und moderner Architektur eine zentrale Rolle. Wo sehen Sie eine weitere Schnittstelle zwischen beiden Disziplinen?
Eine Schnittstelle ist zumindest schon einmal der Prozess der Kreation, gleich ob ein Architekt ein Gebäude entwirft oder ein User Experience Designer eine neue Software entwickelt. Beide versuchen zu Beginn, ein Verständnis für die konkrete Problemstellung zu erhalten. Mit dieser Erkenntnis wird dann eine Lösung konzipiert, die nach ersten Skizzen hin zum finalen Design stetig konkreter ausformuliert wird. Beide haben das gleiche Ziel. Es geht darum, ein neues Produkt entstehen zu lassen, welches seine späteren Benutzer bei dem alltäglichen Umgang damit unterstützt und bestenfalls auch begeistert. Eine weitere Gemeinsamkeit sehe ich auch in dem Umgang mit Materialien. Gerade bei realistisch anmutenden Benutzeroberflächen werden gerne visuelle Metaphern mit edler Anmutung verwendet. Dabei meine ich z.B. das virtuelle Bücherregal mit schöner Holzmaserung für meine eBooks oder der Drehregler aus gebürstetem Aluminium aus meiner Audio-Software. Einziger Unterschied: Virtuelle Materialien sind günstiger als die realen Pendants.
Viele Menschen denken bei Architektur an starre, unflexible und abweisende Gebäudeformen, die bestenfalls einen Aufzug beinhalten, während bei einem Smartphone der Interaktions-Gedanke offensichtlich ist. Schließen sich Architektur und Usability aus? Welche Rolle kann Design beim Gelingen von einer „Architektur-Usability“ haben?
Architektur ist ein Paradebeispiel für Usability. Dabei können so viele Fehler gemacht werden. Ich denke da spontan an Türen, die sich in die falsche Richtung öffnen lassen, an Toiletten mit zu niedrigen Waschbecken oder verwinkelte Treppengänge, die zum Verlaufen einladen. Wie Don Norman in seinem Buch „The Design of Everyday Things“ erwähnt, geht es doch im Grunde immer darum, mit seinem Produkt die passenden Antworten auf die Bedürfnisse der Menschen zu finden. User Experience Design ist dabei eine Meta-Disziplin, die helfen kann, diese Bedürfnisse zu entdecken und intelligente Lösungen zu visualisieren. Lösungen, die nicht nur fehlerfrei, effizient und effektiv funktionieren, sondern darüber hinaus auch emotional ansprechen. Dabei ist die Szenografie von Elementen einer Benutzeroberfläche (engl. User Interface) ein wichtiger Punkt. Wo kommt z.B. ein Bedienelement her und wo geht bewegt es sich hin? Hat es ein physikalisches Verhalten wie die elastische Liste in meinem iPhone? Hat mein Interface eine Tiefe und wie kann ich in diesem Raum meine Fenster anordnen? In dem Punkt nehmen moderne Anwendungen sogar eher Anleihe an der Architektur und dem Arrangement eines Bühnenbildes.
Herr Gläser, Hand aufs Herz: Welches Gebäude in München finden Sie „schee greislig“ und warum?
Seit dem Bau der Allianz Arena stehe ich in einem Zwiespalt zu diesem knallroten Gummiboot. Auf der einen Seite hat es dieses Gebilde geschafft, innerhalb von kurzer Zeit eines der Münchner Wahrzeichen zu werden. Auf der anderen Seite finde ich die Ästhetik verglichen mit der intelligenten Konstruktion eines Olympiastadions einfach nur plump. Trotzdem freue ich mich immer wieder, wenn ich bei einem Rückflug nach München von Weitem schon vom rot leuchtenden Riesenbaby empfangen werde. Schee greislig nennt man wohl das Gefühl, was dabei in mir geweckt wird.

