30. Januar 2012 / Alexander Gutzmer
"Ich zeige Realität" – HG Esch und Chinas Millionenstädte
Im aktuellen Baumeister findet sich ein Fotoessay mit Bildern von HG Esch aus chinesischen Millionenstädten. „Cities Unknown“ nennt Esch seinen Zyklus. Für unseren Blog interviewten wir den Architekturfotografen zur Lage der Architektur in China.
Was empfindest Du, wenn Du nach China reist?
In den letzten Jahren ist es für mich zur Gewohnheit geworden, nach China zu reisen. Mich führen zusätzlich zu den Auftragsarbeiten auch verstärkt meine freien Arbeiten in das Land. Mich interessieren Städte als atemberaubendes Phänomen, das den Gestaltungswillen des Menschen deutlich aufzeigt. In China zeigt sich gerade die Entwicklung, Veränderung und Entstehung von Städten deutlich und rasend schnell. Ich sehe mich da als Dokumentarist einer unser Jahrtausend prägenden Entwicklung.
Haben die Chinesen ein anderes Verhältnis zu Architektur als wir?
Ich kann hier nicht für die Chinesen sprechen, ich denke aber, dass die chinesische Bevölkerung gerade inmitten einer einschneidenden Entwicklung steht, die sich in den Städten als Wunsch nach Fortschritt und Wohlstand manifestiert. Ich kann mir vorstellen, dass die schnell wachsenden und hochmodernen Megacities von vielen Chinesen primär erst einmal als positiv eingeschätzt werden.
Wie ist Deinem Eindruck nach ihr Verhältnis zu westlichen "Stararchitekten"?
Dazu kann ich aus eigner Erfahrung nichts sagen – Architekten werden zu Ausschreibungen und Wettbewerben eingeladen, und der Entwurf, der dem Bauherrn am Besten erscheint, gewinnt schließlich. Dabei gilt insgesamt, dass es in China auch den Mut zu ungewöhnlichen Gebäuden gibt – siehe den CCTV Tower in Beijing oder das Shanghai World Financial Center. Natürlich fragen die Chinesen nur die besten Architekturbüros an. Und die Architekten freuen sich darüber, auch ungewöhnliche Projekte realisieren zu können.
"Zugleich abstoßend und anziehend" seien die chinesischen Millionenmetropolen, schreibt Ulf Meyer in seinem Gastbeitrag im aktuellen Baumeister. Was überwiegt für Dich?
Mir geht es nicht um eine Wertung - ich zeige lediglich dass, was in China passiert. Im besten Fall vermittele ich mit meinen Fotografien den Charakter der jeweiligen Stadt und zeige Realität. Mich interessiert das Phänomen Megacities. Das Bewerten dieser Entwicklung möchte ich dem Betrachter meiner Fotografien überlassen.
Allerdings habe ich durch meine Reisen nach China verstanden, dass wir die Situation der chinesischen Millionenmetropolen nicht mit unserem westlich geprägten Verständnis von "schönem Wohnen" messen dürfen. Eine kleine Wohnung im 50. Stock eines Hochhauses in Shanghai, ist für viele Chinesen der Traum schlechthin. Christoph Ingenhoven spricht von der Stadt als "wunderbare Katastrophe" und dass Stadt für viele Menschen auch Freiheit bedeutet. 
Du nennst Deine Bilder "Cities unknown". Möchtest Du mit ihnen auch im Westen zur Aufklärung beitragen?
Erst einmal wollte ich mich selbst aufklären: 2009 reiste ich zum ersten Mal nach Chongqing. Das Ausmaß der Stadt (32 Millionen Einwohner) hat mich verblüfft, mir war die Stadt zuvor kein Begriff. Ich begann zu recherchieren. Meine Neugierde wuchs, auch andere chinesische Metropolen kennenzulernen. So entstand die Idee zu einer fotografischen Serie, die den vielen unbekannten chinesischen Städten ein Gesicht gibt.
Mit Deiner weltweiten Arbeit wirst Du zu einer Art "Globetrotter-Fotograf". Wie viele Tage bist Du überhaupt noch zu Hause?
Ich achte sehr darauf – trotz der vielen Reisen – viel Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Letztendlich hält mir im Besonderen meine Frau den Rücken frei - ohne ihre Unterstützung wären die zahlreichen, aufwändigen Projekte gar nicht zu realisieren. Mir ist da eine Ausgewogenheit sehr wichtig und ich versuche nach ausgedehnten Asienaufenthalten die Zeit zu Hause auf dem Land ausgiebig zu genießen!
Fotos: Wuhan, HG Esch, Chongqing, Shenzhen, HG Esch bei der Arbeit


