17. September 2012 / Alexander Gutzmer

"Formsetzung statt Formentwicklung": Werner Sobek erklärt, warum wir auch künftig Hochhäuser brauchen

„Tall Buildings in a Sustainable Future“, so das Thema einer Konferenz vom 10. bis 12. Oktober in Stuttgart. Baumeister ist Medienpartner. Vorab sprachen wir mit Initiator Werner Sobek.

Herr Sobek, mit "Tall Buildings in a Sustainable Future" befasst sich Ihre Konferenz. Schließen sich Nachhaltigkeit und Wolkenkratzer nicht aus?

Die Höhe eines Gebäudes ist nicht automatisch invers zu seiner Nachhaltigkeit – wer so etwas behauptet, macht es sich viel zu einfach. Ebenso wie bei anderen Gebäuden gibt es auch bei Hochhäusern zahlreiche Aspekte, die man detailliert untersuchen muss, um eine fundierte Aussage über ihre Qualität treffen zu können. Und wir müssen doch eines sehen: In den schnell wachsenden Metropolen in China, Indien oder Südamerika lassen sich die notwendige Reduktion des Individualverkehrs und die erhöhte Dichte von Wohnen und Arbeiten ohne Hochhäuser gar nicht erzielen. Es gibt zahlreiche Hochhäuser, die vorbildlich hinsichtlich ihrer Nachhaltigkeit sind – genau wie es zahlreiche andere gibt, die das nicht sind. Aber Vergleichbares erleben wir ja auch bei allen anderen Gebäudetypologien. Bei unserer Konferenz wollen wir uns fundiert damit beschäftigen, was zur Nachhaltigkeit eines Hochhauses beitragen kann – und was nicht.

Wann war Ihre Konferenz "erfolgreich"?

Wenn wir interessante Vorträge gehört und gute Gespräche geführt haben – und unsere gebaute Umwelt mit neuen Augen betrachten. Eine solche Konferenz kann und soll nicht die Antwort auf alle Fragen liefern. Ziel ist es, Anregungen zu vermitteln und den Austausch zwischen Fachleuten unterschiedlicher Sparten und Disziplinen zu ermöglichen. Ich persönlich erwarte mir Einblicke in interessante neue Projekte in Europa, Asien und Amerika – und viele Anregungen und Inspirationen für meine eigene Arbeit.

Welche Entwicklungen im Hochhausbau sehen Sie momentan?

Ich sehe mehrere Entwicklungen. Es gibt natürlich vereinzelt immer noch die Jagd nach dem höchsten Gebäude, so gut wie immer durch Prestigedenken geprägt. Und es gibt den immer noch anhaltenden Trend hin zu immer expressiveren Formen. Der Boom im Hochhausbau verlangt offensichtlich nach immer mehr Differenzierung der äußeren Erscheinung, nach immer mehr Formsetzung statt Formentwicklung. Der häufig zu beobachtende überbordende Gestaltungswille führt immer wieder zu funktionalen Nachteilen. Ich vermute, dass dieser Trend noch längere Zeit anhalten wird. Die wichtigste Entwicklung im Hochhausbau ist meines Erachtens die zunehmende Tendenz, Hochhäuser ganzheitlich zu betrachten, also neben rein gestalterischen Aspekten auch unter ökonomischen, ökologischen und funktionalen Gesichtspunkten. Diese Tendenz wollen wir stärken und befördern – unter anderem durch unsere Konferenz.

Müssen wir hierzulande Knowhow zum Bau nachhaltiger Hochhäuser importieren, oder ist man hier auf dem neuesten Stand?

Deutsche Ingenieure sind weltweit gefragt, deutsche Firmen und Produkte ebenfalls. Allein in meinem eigenen Büro arbeiten wir momentan gleichzeitig an mehreren (sehr anspruchsvollen) Hochhäusern in China und Russland. Deutschland ist im Bereich des nachhaltigen Bauens noch Know-how-Exporteur – die Konkurrenz schläft aber nicht, sondern legt rapide zu. Dies konstatieren wir insbesondere im chinesischen Markt, aber auch in Zentralasien und im Mittleren Osten.

Gibt es derzeit ein Hochhaus, das Sie vor allem in technischer Hinsicht beeindruckt?

Es gibt unterschiedliche Hochhäuser, die mich sehr beeindrucken. Das sind aber nicht zwangsläufig die höchsten. Mit am besten gefällt mir ehrlich gesagt das Gebäude KfW-Westarkaden in Frankfurt am Main (das übrigens 2011 vom Council on Tall Buildings and Urban Habitat – CTBUH – als weltweit bestes Hochhaus ausgezeichnet wurde). Das Gebäude ist nur 56 m hoch – bietet aber eine Vielzahl interessanter technischer Lösungen, insbesondere im Fassadenbereich, die es zu einem sehr nachhaltigen Gebäude mit hohem Nutzerkomfort und extrem niedrigen Energieverbrauch machen.

Sie diskutieren auch das Londoner "Shard"-Projekt. Ist das nicht ein Paradebeispiel für ein selbstbezogenes Hochhaus, das mehr Ikone ist als ein integriertes Stück Stadt?

Zum einen: Sie sagen vollkommen zu Recht, dass wir das Shard-Projekt diskutieren – dieser Diskussion kann und will ich hier nicht vorweggreifen. Es ist aber klar, dass es nicht Sinn und Zweck einer solchen Konferenz sein kann, eine reine Projektschau abzuliefern, ohne auch kritisch zu hinterfragen, was gut ist – und was nicht. Ich würde mich auf jeden Fall sehr freuen, wenn Sie und Ihre Leser bei dieser Diskussion aktiv mitwirken! Zum anderen: Extrem hohe Hochhäuser sind immer auch Ikonen, das ist klar. Aber müssen sie deshalb immer auch gleich selbstbezogen sein, nur weil sie höher sind als andere Gebäude? In Bezug auf den Eiffel-Turm oder den Kölner Dom werden solche Diskussionen nie geführt – warum eigentlich!?

 

Die Hochhausimpressionen in diesem Beitrag hat unsere Redakteurin Sabine Schneider von ihrem letzten Mailand-Wochenende mitgenommen. Ein eigener Blogbeitrag dazu folgt demnächst.

 
 
 
 
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