10. September 2012 / Wolfgang Bachmann

Biennale-Splitter 10: Randnotizen und zentrale Themen

Wer dem großen Parcours in den Giardini und dem Arsenale entkommen ist, konnte an anderen Orten um so intensivere Architekturerlebnisse sammeln. Zum Beispiel auf San Giorgio Maggiore.

Laut Spiegel online erwartet einen dort mit Carlo Scarpas Glaskunst-Ausstellung Le Stanze del Vetro eine bessere Präsentation als im Arsenale, auf jeden Fall der fettere Katalog mit knapp 500 Seiten. Was wir bisher nicht wussten: Scarpa hatte keine Lust, sich unter die Faschisten mit staatstragender Architektur einzureihen und arbeitete deshalb von 1932 bis 1947 als künstlerischer Leiter der Glasmanufaktur Venini auf Murano. 300 Werke wurden jetzt für diese Präsentation zusammengetragen, dazu Zeichnungen und Skizzen.
Selbst wenn man sich nicht für Schalen und Vasen begeistern kann, wird man diese zauberhaft gestalteten Behältnisse nicht als Hausrat abtun, sondern als einmalige künstlerische Artefakte schätzen. Künftig soll hier auf der kleinen Insel neben der Giudecca regelmäßig die Glaskunst der Venezianer gezeigt werden.


Eine andere didaktisch gut aufgebaute Präsentation bieten Gehl architects aus Kopenhagen. Der Focus ihrer Praxis untersucht Wirkung und Folgen der gebauten Umwelt auf das Wohlergehen des Menschen. Life between buildings heißt ihre 360°-Ringprojektion, die die weltweite Veränderung des Lebens durch ungezügelten Autoverkehr und massive "moderne" Bebauung zeigt. Und Alternativen dazu. Zwar wirkt die professionelle Filmsequenz etwas zu routiniert und erinnert an den Messeauftritt eines Industrieunternehmens, aber dafür ist sie einleuchtend und für ein breites Publikum geeignet, was man von vielen anderen Beiträgen nicht behaupten kann.


Ein Wechselbad erlebt man dann einige Parzellen weiter im Pavillon von Angola, das das erste Mal auf der Biennale vertreten ist. Hier läuft ein schlichtes Video im Vorraum, dann betritt man eine Halle, in der ein riesiges bewässertes Pfahlrohrfeld (Arundo donax) frische kühle Luft verbreitet. In der labyrinthischen Mitte stehen lediglich zwei Sessel.
Hier könnte man Platz nehmen und über das Verhältnis von Energie und Raum jenseits der bei uns gängigen Nachhaltigkeitsrhetorik sprechen. Im bürgerkriegsgeschundenen Afrika gelten andere Konditionen, dort verkehren sich die Verhältnisse zwischen Siedeln und Stadt, Versorgung und Infrastruktur, Dichte und Gebäudehöhe. Beyond Entropy lässt die funktionierende Zufälligkeit einer „morphing city“ ahnen, eine planungsresitente Lebensbewältigung.  
Das Schilfrohr, so der Vorschlag der Kuratoren, füllt die Zwischenräume der Siedlungen. Ohne gewachsene Strukturen zu zerstören, trägt es zur Klimaverbesserung bei, filtert Wasser und produziert Biomasse zur Energieerzeugung. „Comon Ground“ heißt doch das Thema. Hier wird es bewiesen.


 
 
 
 
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