02. August 2012 / Robert Schäfer (Gastautor)

Aus dem Heft: Kunst-Landschaft

Der Trollstig im norwegischen Fjordland zählt zu den größten Touristenattraktionen des Landes. Mit der Eröffnung eines neuen Rastplatzes von Reiulf Ramstad beginnt jetzt auch die Vermarktung des Landschaftsrouten-Programms, das den Fremdenverkehr noch weiter ankurbeln soll.

c Steinar_Skaar/Statens_Vegvesen

Mehr als 700.000 Menschen besuchen jährlich das Trollstigplateau, vom weltberühmten Geirangerfjord her kommend oder vom Raumafjord, von Åndalsnes. An Stelle eines beschwerlichen Pfades über die Berge schlugen Ingenieure und ein Heer von Arbeitern in mühevoller Handarbeit eine der schönsten Passstrecken der Welt in den Fels. Elf feingeschwungene Haarnadelkurven (Bild oben) überwinden seit 1936 die steilste Strecke am Talschluss. Diese Straße ist ein Beispiel für Baukultur im Straßenbau, so wie es die Hamburger Erklärung des jüngsten Konvents der Baukultur wohl fordert. Der Trollstigvej ist eine technische Meisterleistung in dramatischer Landschaft, die natürlich durch den Trollstigfoss, einen Wasserfall, ergänzt wird.

 

c Jarle_Waehler/Statens_Vegvesen

 

Reiulf Ramstad, Architekt aus Oslo, lieferte nun die dazu passende Architektur. Ganz profan zunächst als Servicezentrum für die vielen Touristen geplant, tat er dies jedoch in so schlichter wie gewagter Gestaltung. Die Form der Dächer ist geschwungen, zum Teil begehbar, zum Teil mit Gras bewachsen sind. Die Spitzen zitieren die schroffen Berge, die nicht selten das Wort tind, also Spitze, im Namen führen – allen voran der Trolltind, der sich gelegentlich zeigt, wenn die Wolken aufreißen. Dieses Gebiet ist für Kletter- wie Skitouren beliebt bei den Norwegern, deren Autos oft schon in aller Frühe die Parkplätze besetzen, lange bevor die Autotouristen ankommen und auch die Buskarawane der Kreuzfahrer, die sowohl von Åndalsnes wie von Geiranger über den Adlerweg und Valldal zum Pflichtausflug hierher gekarrt werden. Alles hätte größer dimensioniert werden können, was jedoch wesentlich empfindlichere Eingriffe in die Hochgebirgslandschaft erfordert hätte, die bis Mitte Mai in Schnee gepackt ruht. Die Straße bleibt im langen Winter geschlossen, die Saison ist kurz. Das Plateau liegt auf 1000 Metern Höhe, oberhalb der Baumgrenze.

 

Schönheit und Geschäft

 

c diephotodesigner.deEine Ansammlung von Hütten und Kiosken musste dem neuen Gebäude weichen, ebenso wilde Stufen im Fels, zu gefährlich für die unzulänglich beschuhten Gäste auf Stippvisite. Der Tourismus ist drittgrößte Einkommensquelle in Norwegen, entsprechend ernst nimmt man das Geschäft, immer mehr Reisende anzulocken. Dazu erfand die Norwegische Straßenbaubehörde das Programm der Turistveger, das seit Kurzem im Deutschen ganz offiziell Norwegische Landschaftsrouten heißt (siehe auch B9/11, Seite 20). Ausgewählt wurden 18 der schönsten Strecken des Landes, von Haugesund im Süden bis nach Varanger im Norden. Architekten, Künstler und Landschaftsarchitekten bekamen nach individuellem Auswahlverfahren den Auftrag, Raststätten, Aussichtspunkte und Landmarken inmitten weiter Landschaft zu schaffen. Die Hoffnung: mehr Touristen, mehr Einnahmen für die Gemeinden an den Strecken. Der Nachteil: mehr Verkehr. Ohne Automobil bleibt der Zugang zu den neuen Attraktionen nur den Sportlichsten vorbehalten, die bei Wind und Wetter sich und ihr Trekkingrad quälen.

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Beton, Stahl und Glas herrschen vor in Ramstads Cafeteria samt Souvenirshop und Toilettengebäude. Man kann sich mit seinem Kaffeebecher und Krabbenbrot oder Lefse aufs Dach setzen oder vor die große obligate Feuerstelle hinter Glas. Doch die Show läuft draußen. Promenaden führen zu zwei Aussichtskanzeln (Bild 2). Die eine schwebt gleich hinter den neuen Wasserbecken, in denen der Bach gezähmt wurde, um die Hochwassergefahr zu bannen, über dem brodelnden Wasser, das sich ein paar Meter weiter zum Wasserfall formt. Die untere Plattform kragt weit über den Fels hinaus und gibt den Blick frei auf den Trollstig. Doch beide Aussichtskanzeln sind für sich sehenswert: funktional und dramatisch, die Sinne betörend, sowohl durch die Komposition als auch durch das Zusammenspiel der Architektur mit der Landschaft. Subtil bildete der Architekt mit dem gezackten Geländer den Schwung der Serpentinen nach. Schon jetzt scheint dieses Follie in luftiger Höhe das neue Symbol für die norwegischen Landschaftsrouten geworden zu sein.
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Den vollständigen Artikel können Sie im aktuellen Heft lesen.

Fotos: c Steinar_ Skaar/Statens Vegvesen, c Jarle Waehler/Statens Vegvesen, c diephotodesigner.de, c Reiulf Ramstad Architekten

 
 
 
 
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