23. Januar 2012 / Wolfgang Bachmann
4. Am Herd

Küchen sind gefährliche Räume. Hier passieren die meisten Unfälle im Haus, hier werden interessante und vielseitige Mordinstrumente verwahrt. Ob das der Grund ist, dass alle zehn, fünfzehn Jahre ihre Architektur vollständig neu interpretiert wird, ist nicht erwiesen. Grundsätzlich akzeptieren wir, dass umsatzorientierte Hersteller immer etwas Neues auf den Markt bringen wollen. Doch es geht nicht bloß um andersfarbige Türen, größere Kühlschränke oder heißere Backöfen, sondern um völlig neue Lebensentwürfe, wenn wir uns der These anschließen, dass das Kochen das Zentrum des Haushalts bildet.
Nach dem Krieg wurde die pastellfarbige Einbauküche erfunden, aufgereiht in einem schmalen Reihenhausverlies. Dieser Einfall ließ sich endlos perfektionieren, Ziel war, möglichst alles hinter einheitlichen glatten Fronten zu verbergen, ohne Hinweis auf spezielle Funktionen. Die Küche wurde zum sterilen Labor, das nur während der kurzen Versuchsanordnung der Essenszubereitung Lebenszeichen verraten durfte. Die Gegenbewegung berief sich auf Otl Aicher. Er hatte sich von der Spontaneität der Wohngemeinschaften anstecken lassen und inszenierte in seiner Kochwerkstatt um einen zentralen Block einen kreativen Verhau aus Küchenutensilien. Selbst die gemeinsame Zubereitung von Kässpätzle geriet dabei zur Familienaufstellung.
Mittlerweile erleben wir eine Synthese aus diesen Vorstufen. Die Küche wird nicht mehr von Wänden umschlossen, sondern öffnet sich – ähnlich wie das Bad, das sich ins Schlafzimmer ausbreitet – zum Esszimmer. An einem altarartigen Tresen mit diskretem Dunstabzug lassen sich die beliebten Kochsendungen nachspielen. Früher konnte man den Besuch mit einem Klavier beeindrucken, heute mit einer Designer-Küche.
Schuld an diesem Paradigmenwechsel sind diese kochenden Männer, die inzwischen die Küchen beherrschen und ständig professionell Fleisch braten wollen. Aber an Frauenfußball haben wir uns ja auch gewöhnt.


