27. März 2012 / Wolfgang Bachmann

14. Landlust

Cover Drinnen

 

Schön, man hat nicht nur die Lebensart der Adligen und vornehmen Gesellschaft kopiert, sondern auch Elemente der Wohnkultur unseres Nährstands in den urbanen Haushalt gerettet: mit dem Bauernschrank. Immerhin gibt es eine Fülle von Originalen, die unabhängig von ihrem Verfallsgrad, ihren Wurmstichen-, Schimmel- und Hausbockmalen als authentische Zeugnisse einer vergangenen Zeit aufgemöbelt werden.

 

Tatsächlich müssen die paar Bauern früher jeden Heller und Pfennig in Schränke investiert haben, sonst könnten wir heute nicht eine solche Fülle dieser bemalten Brettladen vorfinden. Aber das Angebot reicht gar nicht aus, um die Sehnsucht nach dem einfachen, weltfernen Mobiliar zu befriedigen. Es werden also en masse Bauernschränke nach alten Vorbildern hergestellt, manche täuschend nahe am Original, die meisten sehen aber aus wie ein Transvestit nach der Geschlechtsumwandlung – schöner als es sich der Bauer sintemalen erträumt hätte.

 

Die Kassetten sind aus einem Stück und ohne handwerkliche Funktion, die Intarsien akkurat mit der CNC-Fräse einradiert, die angelaufenen Messing-Scharniere nur noch Attrappen, weil sich hinter den Türen in jede Richtung einstellbare und einrastende Topfbänder verbergen. Die Auszüge gleiten auf Rollen-Schienen, die Rückwand ist aus Hartfaser und die Oberfläche mit Nitromattlack geschützt. So ein Bauernschrank altert nicht, er bleibt, bis er auseinanderfällt und ihn die Kinder zum Wertstoffhof tragen. Das Innenleben – früher ein simpler Kleiderrechen und daneben drei Fächer – wäre heute unbrauchbar, und weil man in den alten oder neuen Prachtstücken im Wohnzimmer kaum seine Wintermäntel verstauen wird, dienen Bauernschränke vor allem als verschließbare Bühne für die Spirituosen des Hausherrn, als Technikcontainer für Fernsehgerät oder Musikanlage.

 

Der Bauernschrank ist eine Exklave bei der Einrichtung, er passt zu Gelsenkirchener Barock, Bauhaus, Memphis, Ikea und Sperrmüll. Nur nicht zum Bauern.

 
 
 
 
Neuen Facebook Kommentar hinzufügen: