05.03.2015

Portrait

Alejandro Aravena

Alejandro Aravena vor seinen Skizzen

Die Architektur von Alejandro Aravena hat nicht nur einen funktionalen und gestalterischen Zweck, sondern stärkt die chilenische Zivilgesellschaft. Sein Büro Elemental nutzt die Förderung des sozialen Wohnbaus – um dessen Standard zu erhöhen. Die Bewohner ermächtigt er zu Co-Akteuren im Bauprozess. Auch für diese Ansätze gab es jetzt den Zumtobel Group Award.

Es war im Jahr 2001, als das französische „Archilab Orléans“ 90 junge Architekten aus aller Welt eingeladen hatte. Das damals interessanteste Forum aktueller Architektur ließ ihnen je fünf Minuten Zeit, um ihre Position zum zeitgenössischen Wohnen zu präsentieren. Die meisten zeigten hektisch einige Projekte mit zu vielen Bildern – nach ein paar Runden schwirrte den Zuschauern der Kopf. Dann wurde Alejandro Aravena aufgerufen, ein junger Architekt aus Chile, den kaum einer im Saal kannte. Eine dünne, große Gestalt, vom struppigen Scheitel bis zur Sohle in Schwarz gehüllt, erschien auf der schwarzen Bühne. Statt Bilder zu zeigen, begann er eine Geschichte zu erzählen, mit einer dunklen Stimme, die von weit weg zu kommen schien. Die Geschichte handelte nicht von seiner Architektur, sondern von Menschen, die keine Architektur haben. Sie handelte von Dorfbewohnern in den Chilenischen Anden, die irgendwann ihre Heimat verlassen mussten, weil sie sie nicht mehr ernähren konnte.

50 Prozent werden fertig gestellt, 50 Prozent bauen die Bewohner aus.

Für genau diese Art von existentieller Architektur wolle er sich als Architekt einsetzen, weil er sie als notwendig erachte. Er endete, bevor seine fünf Minuten vorbei waren und ließ seine Kollegen im Saal, die Architektur bis dahin eher als eine Frage des Designs diskutiert hatten, einigermaßen perplex zurück. Aus ihrem Schweigen konnte man den Zweifel hören: ein toller sozialer Anspruch, sicher, aber ist das auch Architektur? Heute, knapp 15 Jahre später, ist diese Frage eindeutig beantwortet. Mit seinem Büro Elemental hat Aravena eine ganze Reihe von sozialen Wohnbauten im prekären Niemandsland der Favelas realisiert: Er kombiniert die formelle und die informelle Ökonomie des Wohnens in Chile. Er nutzt die soziale Wohnbauförderung, die Häuser nur bis zu einer Wohnfläche von 40 Quadratmetern fördert, um 80 Quadratmeter große Häuser zu bauen: Dabei plant sein Architekturbüro mit der Förderung die eine Hälfte des Hauses, und zwar so, dass es die Bewohner direkt bewohnen und die andere Hälfte mit der Zeit selbst fertig bauen können. Mit dieser Technik hat Aravena die Standards des sozialen Wohnungsbaus in Chile in nur wenigen Jahren radikal nach oben verschoben.

Mehr dazu im Baumeister 3/2015

Fotos: Christobal Palma; Elemental

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